Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Sonntag, 14. Juni
   Nachts in der Oberen Stadt

Manchmal passiert ja ganz lange nichts, und dann kommt plötzlich alles auf einmal. So ist das jedenfalls auch damals beim Wittrich gewesen. Richtig schlafen hat der ja schon lange nicht mehr können, eigentlich schon, seit das irgendwann mit seinem Magen angefangen hat, und das hat ja schon angefangen, als er noch gearbeitet hat, damals bei Loewe, in der Konstruktion. Denn der Wittrich ist ja ein studierter Physiker gewesen und hat damals bei Loewe neue Fernsehgeräte entwickelt. Ich glaube schon, dass ihm seine Arbeit wirklich Spaß gemacht hat, denn geknobelt und getüftelt hat der Wittrich ja schon immer gerne, aber ein bisschen stressig ist es wohl schon auch gewesen an der Arbeit, und als dann irgendwann die Jahre mit der großen Flaute gekommen sind, da muss ihm die allgemeine Unsicherheit irgendwie auf den Magen geschlagen sein. Zuerst hat das ja ganz harmlos angefangen, und er hat sich gar nicht viel dabei gedacht, wenn ihm manchmal nach dem Essen der Bauch ein bisschen gezwickt hat. Aber im Lauf der Zeit ist es dann doch allmählich immer schlimmer geworden, bis er manchmal nach dem Essen richtige Krämpfe bekommen hat, und irgendwann hat er dann auch nachts gar nicht mehr richtig durchschlafen können, weil er immer wieder vom Zwicken in seinem Bauch wach geworden ist. Die Ärzte haben ihm zwar öfter mal vorne und hinten reingeguckt, aber gefunden haben sie eigentlich nie etwas, und deshalb haben sie dann schließlich irgendwann gesagt, es käme ja wahrscheinlich alles bloß vom Kopf und er soll einfach mal ein bisschen langsamer machen. Aber auch, als der Wittrich dann schon längst nicht mehr gearbeitet hat, ist das mit dem Magen nie wieder ganz in Ordnung gekommen, und irgendwann hat er sich einfach damit abgefunden, dass sein Bauch nach dem Essen immer zwickt und dass er vom Zwicken auch nachts oft einmal aufwachen muss.

Früher, als er noch eine eigene Wohnung gehabt hat, da hat der Wittrich dann ja immer das Radio angemacht, wenn er nachts aufgewacht ist, und dann hat er das Nachtprogramm gehört, bis er irgendwann aufs Klo gehen und danach wieder einschlafen konnte. Aber als er dann irgendwann seinen Haushalt nicht mehr alleine hinbekommen hat und ins Bürgerspital gezogen ist, da haben sich dann ziemlich schnell seine ganzen Zimmernachbarn beschwert, weil – inzwischen hat der Wittrich ja auch nicht mehr so gut gehört, und da hat er dann das Radio immer so laut gestellt, dass man es durch alle Wände und im ganzen Haus hören konnte, und das ist natürlich nicht lange gut gegangen. Jetzt hätte der Wittrich natürlich auch einfach ein Buch lesen können, anstatt das Nachtprogramm im Radio zu hören, aber in der letzten Zeit sind ja dann auch seine Augen immer schlechter geworden, bis ihm irgendwann die Buchstaben in den Büchern einfach nicht mehr groß genug gewesen sind, und das Licht der kleinen Nachttischlampe war ihm auch nicht mehr hell genug. Und deshalb hat er dann irgendwann damit angefangen, mitten in der Nacht spazieren zu gehen, obwohl er ja auch nicht mehr so besonders gut auf den Beinen gewesen ist und ohne seinen Stock lieber keinen Fuß mehr vor den anderen gesetzt hat. Aber ein paar kleine Runden durch die Stadt hat er schon immer noch drehen können, ganz langsam eben, Schritt für Schritt, und in der Nacht, da hetzt einen ja auch niemand, und deshalb hat sich der Wittrich immer alle Zeit der Welt gelassen, wenn er so zwischen Mitternacht und Morgengrauen Schritt für Schritt durch die Straßen gewackelt ist.
Natürlich hat er dabei höllisch aufpassen müssen, denn hier liegt ja schon seit Jahrhunderten fast überall so holpriges Kopfsteinpflaster, dass man schonmal ganz leicht stolpert, wenn man die Füße nicht hoch genug hebt oder wenn sich einmal der Stock zwischen den Pflastersteinen verhakt. Aber dafür hat sich der Wittrich immer wieder darüber gefreut, dass die Stadt eben eine besonders alte und historische Stadt ist, die sogar schon vor über tausend Jahren in irgendeiner Urkunde erwähnt worden sein soll. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund gewesen, weshalb der Wittrich hier wohnen geblieben ist, nachdem er in Rente gegangen war, obwohl er dann ja auch zurück ins Sauerland hätte ziehen können, wo er nämlich aufgewachsen und zur Schule gegangen ist und wo damals sicher auch noch ein paar Verwandte von ihm gelebt haben. Oder nach Berlin, wo er nämlich studiert hat und dann die ersten paar Jahre nach dem Studium bei der Phonetica Radio GmbH angestellt gewesen ist, bis die dann irgendwann geschlossen wurde und der Wittrich zusammen mit ein paar anderen Kollegen hierher nach Kronach übernommen worden ist, also in die Fernseher-Abteilung von Loewe. Aber während seine Kollegen dann im Laufe der Jahre einer nach dem anderen wieder weggezogen sind, ist der Wittrich als einziger hier hängen geblieben, und wenn man mich fragt, wieso der Wittrich bis zum Schluss in Kronach geblieben ist, obwohl er bestimmt auch woanders noch einmal eine schöne Arbeitsstelle gefunden hätte, dann würde ich sagen, dass es ihm hier eben einfach besonders gut gefallen hat. Auch wenn er die Einheimischen bis zuletzt manchmal noch gar nicht richtig verstanden hat, wenn sie mit ihm gesprochen haben, weil – obwohl der Wittrich ja jetzt schon über dreißig Jahre in Kronach gelebt hat, haben seine Ohren manchmal einfach nicht auf der Frequenz empfangen, auf der im Frankenwald gesendet wird. Aber man muss vielleicht auch dazu sagen, dass im Frankenwald wirklich auf einer ganz besonderen Frequenz gesendet wird.

Jedenfalls hat der Wittrich dann irgendwann damit angefangen, mitten in der Nacht kleine Spaziergänge durch die Stadt zu machen, was zuerst einmal gar nicht so einfach gewesen ist, denn so leicht kommt man aus dem Bürgerspital nachts nämlich gar nicht heraus. Da hat es dem Wittrich dann schon sehr geholfen, dass er so ein ganz besonderes Verhältnis zur Mandy gehabt hat. Die Mandy Förtsch hat ihm nämlich so manchen Gefallen getan, den sie einem anderen vielleicht nicht getan hätte, auch wenn es ja am Anfang erst einmal gar nicht danach ausgesehen hat, als ob sich die Mandy und der Wittrich so besonders gut verstehen würden. Denn schließlich hatte die Mandy ja am Anfang nicht nur diese besondere Frankenwald-Frequenz, sondern außerdem auch noch einen ziemlich rotzigen Teenager-Tonfall, als sie im Bürgerspital mit ihrer Ausbildung angefangen hat, und der Wittrich war ja im Gegensatz dazu schon eher so der feine Gentleman-Typ, der auf die Leute leicht auch schonmal ein bisschen überheblich wirken konnte, wenn sie ihn nicht richtig gekannt haben. Aber mit der Zeit sind die Mandy Förtsch und der Wittrich dann doch irgendwie miteinander warm geworden, und das hat vielleicht auch ein bisschen daran gelegen, dass der Wittrich sich nicht davon hat täuschen lassen, wie die Mandy damals ausgesehen hat. Denn die Mandy hat ja gerade am Anfang auch wirklich nicht so besonders einladend ausgesehen, mit den vielen Pickeln und den schwarz ummalten Augen und den blau gefärbten Haaren und dem Ring im rechten Nasenloch. Aber der Wittrich hat dann wohl irgendwann gemerkt, dass die Mandy zwar ein größeres Problem mit Zahlen hat und deswegen ihren Realschulabschluss fast nicht gepackt hätte, aber dass sie auf der anderen Seite nicht nur besonders gut mit Wörtern umgehen kann, sondern außerdem auch noch ein ganz zuverlässiger und fürsorglicher Mensch ist, mit dem man hätte Pferde stehlen können. Nun hat der Wittrich zwar mit Pferden nicht viel anfangen können, aber einen Schlüssel für den Hintereingang vom Bürgerspital konnte er dann schon ganz gut gebrauchen, als er irgendwann auf die Idee gekommen ist, nachts seine Runden durch die Stadt zu drehen. Und dafür hat er der Mandy dann auch bei ihren Mathe-Hausaufgaben für die Berufsschule geholfen, und er hat mit ihr über ihre Männergeschichten geredet, die zu dem Zeitpunkt ja eigentlich noch gar keine richtigen Geschichten gewesen sind, weil – die Mandy hat zwar ständig irgendwelche Typen angehimmelt, die sie in der Hummendorfer Disco gesehen hat, aber mehr ist da ja damals eigentlich noch nicht passiert, weil – die Mandy hat sich ja noch nicht einmal getraut, einen von diesen Typen auch nur anzusprechen.

Jedenfalls hat der Wittrich dann irgendwann wieder einmal den Nachschlüssel für den Hintereingang aus dem Versteck zwischen seiner Unterwäsche herausgefischt, hat sich seinen Hut auf den Kopf gesetzt und ist mitten in der Nacht aus dem Bürgerspital hinausgewackelt, um eine Runde durch die Stadt zu drehen. Als er durch die Tür durch gewesen ist, hat er kurz überlegt, welche Richtung er diesmal einschlagen soll, und weil er das letzte Mal links am Fluss entlang in Richtung Landesgartenschaugelände gegangen war, hat er sich diesmal für den Weg nach rechts entschieden, durch die Hussitengasse am Kühnlenzhof vorbei, quer über den Marienplatz in Richtung Schwedenstraße, dann die lange Rampe an der Stadtmauer entlang, hoch zum Bamberger Tor, über die Straße drüber (da, wo die alte Frau Fischauer mit ihrem Rollator immer so Mühe gehabt hat, über die Bordsteinkanten zu kommen), dann durchs Bamberger Tor durch und an der Weinstube vorbei, links um die Ecke mit der Bäckerei herum in die Amtsgerichtstraße und schließlich noch ein Stück weiter bergauf in Richtung Martinsplatz.

Auf der Höhe vom Historischen Rathaus ist ihm dann aber plötzlich doch ein bisschen schwummerig geworden vom vielen Bergauf, und seine drei Beine haben sich plötzlich so weich angefühlt, dass er es dann gerade noch so zu den Stufen geschafft hat, die an der Rückseite vom Rathaus zum Eingang der alten Markthalle hochführen. Und als er sich dann erst einmal hingesetzt hatte, um ein bisschen zu verschnaufen, da hat er darüber nachgedacht, ob so ein Aufzug in die Obere Stadt nicht doch eine feine Sache gewesen wäre. Aber bei dem Bürgerentscheid, den sie damals gerade erst vor ein paar Tagen gemacht hatten, da hatte er ja noch ganz tapfer dagegen gestimmt, weil – er ist ja eigentlich der Meinung gewesen, dass man die Menschen nicht so verweichlichen soll und dass so ein Aufzug in kürzester Zeit todsicher ein Schandfleck im Stadtbild werden würde, wenn ihn die Jugendlichen mit Graffiti beschmieren und die Besoffenen als Klo benutzen, und dass man außerdem die schöne alte Stadtmauer für so einen Murks lieber nicht durchbohren sollte. Nur jetzt, wo der Wittrich ganz außer Puste gewesen ist und auf den Stufen zur Markthalle gesessen hat, um ein bisschen zu verschnaufen, da hat er doch noch einmal überlegt, ob so ein Loch in der Stadtmauer wirklich so schlimm wäre, und während er sich dann daran erinnert hat, wie oft er früher die Treppe zwischen Stadtgraben und Anna-Kapelle hoch und runter gesprungen ist, weil er ja hier oben seine Wohnung gehabt hat, hier gleich um die Ecke, im Haus vom alten Weißmüller, in der Lucas-Cranach-Straße, auf der anderen Seite vom Historischen Rathaus, da ist er plötzlich zusammengezuckt und hat sich an sein linkes Ohr gefasst. Und an seinem linken Ohr hat er dann den Regler von dem Hörgerät gesucht, das er seit ein paar Wochen hat tragen müssen, und dann hat er an dem Regler gedreht und versucht, gleichzeitig den Atem anzuhalten, weil er nämlich horchen wollte, ob das Geräusch noch einmal wiederkommt, das er gerade gehört hatte, oder ob es vielleicht doch nur eine Einbildung gewesen ist oder vielleicht auch nur eine Fehlfunktion von seinem Hörgerät.

Aber nach ein paar Sekunden, in denen der Wittrich immer wieder an dem Regler hin und her gedreht hat, da ist das Geräusch tatsächlich noch einmal wiedergekommen, und diesmal ist er sich auch sicher gewesen, dass es keine Einbildung gewesen ist und auch keine Fehlfunktion von seinem Hörgerät, weil – er hat dann nämlich gemerkt, dass er das Geräusch sogar ziemlich gut gekannt hat, weil es nämlich das Geräusch von der Tür zum Haus vom Weißmüller gewesen ist, in dem der Wittrich früher seine Wohnung gehabt hat. Denn die Tür ist ja schon immer mit einem ziemlich lauten PAMM zugefallen, wenn man sie nicht richtig festgehalten hat. Da ist nämlich schon seit Jahrzehnten der Türschließer kaputt gewesen, der die Tür eigentlich sanft ins Schloss fallen lassen sollte, und weil der in all den Jahren, in denen der Wittrich da gewohnt hat, nie repariert worden ist, hat er ja immer alle möglichen Verrenkungen machen müssen, damit die Tür nicht mit einem lauten PAMM zufällt, wenn er zum Beispiel sein Fahrrad durch die Haustür hinein und in den Innenhof getragen hat. Und weil die Tür zum Haus vom Weißmüller mitten in der kleinen Gasse liegt, die am Historischen Rathaus entlang die Lucas-Cranach-Straße mit der Amtsgerichtsstraße verbindet, deshalb hat diese kleine Gasse das laute PAMM immer noch einmal kräftig verstärkt, weil der Schall nämlich wie ein blitzschnelles Echo zwischen den Häuserwänden hin und her geschleudert worden ist. Und das war jetzt auch genau der Grund, weshalb der Wittrich dann beim zweiten PAMM noch einmal richtig heftig zusammengezuckt ist, denn inzwischen hatte er nämlich den Regler von seinem Hörgerät bis zum Anschlag aufgedreht, und dadurch ist das zweite PAMM natürlich besonders laut in seinem linken Ohr angekommen. So laut, dass der Wittrich nicht nur zusammengezuckt ist, sondern sogar auch ein bisschen hochgeschreckt, und weil er jetzt wissen wollte, ob dieses PAMM, das ihm so bekannt vorgekommen ist, auch wirklich das PAMM von der Tür zum Haus vom Weißmüller gewesen ist, hat der Wittrich sich dann aufgerafft und an die Häuserecke herangeschlichen und vorsichtig um die Ecke herum geguckt, weil – er hat ja nicht unbedingt gewollt, dass man ihn sieht, wie er so nachts durch die Stadt streunt wie ein herrenloser Kater auf drei Beinen, denn irgendwie ist ihm das natürlich auch ein bisschen peinlich gewesen.

Und weil in der kleinen Gasse, die die Amtsgerichtsstraße mit der Lucas-Cranach-Straße verbindet, gleich zwei Straßenlaternen gebrannt haben, und weil die eine davon sogar ziemlich genau auf der Höhe der Haustür angebracht ist, die eben mit einem lauten PAMM ins Schloss gefallen war, hat der Wittrich dann in den nächsten zehn Minuten trotz seiner schlechten Augen immerhin so viel erkennen können, dass er sich gefragt hat, wieso da jemand mitten in der Nacht eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und zwei Kabeltrommeln und etwas, was so ausgesehen hat wie ein großer Scheinwerfer auf einem Stativ, ausgerechnet um halb vier Uhr in der Nacht in ein Haus trägt, das schon seit ein paar Monaten von niemand mehr bewohnt worden ist. Denn seit der Wittrich vor etwa einem halben Jahr ausgezogen und ins Bürgerspital umgesiedelt war, hatte sich noch kein Nachmieter für seine Wohnung gefunden gehabt, was den Wittrich eigentlich auch gar nicht gewundert hat, weil – einerseits war seine Wohnung ja schon ziemlich heruntergekommen in all den Jahren, und andererseits hatte er ja erlebt, wie auch die Nachbarwohnung schon seit ewig langen Zeiten leer gestanden ist, weil sich da einfach niemand mehr gefunden hat, der in der Oberen Stadt in so einer alten, heruntergekommenen Wohnung hätte leben wollen, wo es doch inzwischen so schöne neue Wohnungen am Kreuzberg oder im Ziegelwinkel gegeben hat. Seit seinem Auszug hatte der Wittrich nämlich fast jeden Tag vor dem Schaukasten der Sparkasse beim Bahnhof gestanden und beobachtet, wie seine Wohnung unter den Anzeigen mit den Mietangeboten aufgetaucht ist, und bis jetzt war sie dort immer noch gestanden, ohne dass ein Stempel darüber gedruckt worden war, dass sie wieder vergeben worden wäre.

Und deswegen hat sich der Wittrich jetzt auch so sehr gewundert, wieso jemand ausgerechnet mitten in der Nacht eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und zwei Kabeltrommeln und etwas, was so ausgesehen hat wie ein großer Scheinwerfer auf einem Stativ zu seiner alten Haustür hineinträgt. Und er hat sich natürlich auch gefragt, wer das wohl sein mag, der so etwas tut, denn sein Vermieter konnte das jedenfalls nicht gewesen sein, weil – der alte Weißmüller hätte das mit seinem Rheuma ja gar nicht mehr geschafft, so schwere Sachen zu tragen, und seine Tochter Jana, die sich inzwischen auch ein bisschen mit um die Vermietung des Hauses gekümmert hat, die konnte das auch nicht gewesen sein, denn soviel hat der Wittrich trotz seiner schlechten Augen schon noch erkennen können, dass das nämlich ein ziemlich stämmiger Mann gewesen ist, der da mehrere Male zwischen der Haustür und einem Auto hin und her gelaufen ist, das am anderen Ende der kleinen Gasse geparkt war. Und als der stämmige Mann dann nach einer Weile endlich fertig gewesen ist mit dem Hinundherlaufen zwischen Haustür und Auto, da hat der Wittrich dann sehen können, wie der Mann die Haustür diesmal ganz vorsichtig und leise hinter sich zugemacht hat, bevor er schließlich ein letztes Mal zu seinem Auto gegangen ist, den Kofferraum zugemacht hat und eingestiegen ist.

Und dann hat der Wittrich gesehen, wie das Auto weggefahren ist und er hat sich zuerst noch gewundert, warum er gar nicht so richtig hört, wie das Auto anspringt und wegfährt, aber dann hat er gemerkt, dass er nach dem zweiten lauten PAMM der Haustür den Regler von seinem Hörgerät wieder ziemlich weit heruntergedreht hatte, weil er ja schließlich nicht noch einmal so zusammenzucken wollte. Jedenfalls hat der Wittrich sich dann schnell in die Ecke zwischen der Treppe zur Markthalle und der Rückseite vom Historischen Rathaus verdrückt, weil er ja schon geahnt hat, dass das Auto jetzt sehr wahrscheinlich oben am Martinsplatz um die Kurve fährt und dann über die Amtsgerichtsstraße wieder herunter kommt. Wegen der Einbahnstraße nämlich. Und er wollte ja auch wirklich nicht so gerne gesehen werden, wie er nachts durch die Stadt streunt wie ein herrenloser Kater auf drei Beinen, und als dann nach etwa einer halben Minute das Auto tatsächlich die Amtsgerichtsstraße herunter gekommen und an ihm vorbeigefahren ist, da hat der Wittrich diesmal auch das typische Schuppern der Reifen auf dem Kopfsteinpflaster hören können, wie er es noch im Ohr gehabt hat von all den Jahren, die er in der Oberen Stadt gewohnt hatte, und außerdem hat er auch noch so ein leises Surren im Ohr gehabt wie von einer Biene oder einem Maikäfer, und da ist der Wittrich jetzt schon ein bisschen ärgerlich gewesen über sein neues Hörgerät und hat es abgenommen und geschüttelt und dann in die Westentasche von seinem Dreiteiler aus brauner Schurwolle gesteckt, den ihm damals noch seine Rosalie ausgesucht hatte, kurz bevor sie gestorben war, denn seit sie unter der Erde gewesen ist, hat der Wittrich ja eigentlich immer nur noch diesen Dreiteiler aus brauner Schurwolle angezogen, wenn er vor die Tür gegangen ist.

Und als der Wittrich sich dann schließlich wieder auf den Heimweg zurück ins Bürgerspital gemacht hat, da hat er gar nicht richtig gemerkt, wie er irgendwann zwischendurch damit angefangen hat, leise ein altes Volkslied vor sich hinzusingen, und wenn er jetzt in dem Moment vielleicht ein bisschen besser auf den Text von dem Lied geachtet hätte, das er da leise vor sich hingesungen hat, dann hätte er vielleicht auch schon ein paar Antworten auf die Fragen ahnen können, die ihm in den nächsten zwei Wochen im Kopf herumgehen sollten. Aber als er dann so Schritt für Schritt wieder zurück zum Hintereingang des Bürgerspitals gewackelt ist, da hat es die meisten dieser Fragen in seinem Kopf natürlich noch gar nicht gegeben.


„… das kann nicht sein! … das darf nicht sein! … was bist du nur für ein Mensch? … du perverses Schwein! … du bist Dreck! … du bist Abschaum! … was hat sie dir denn getan? … sie hat doch nie jemandem etwas getan! … und was hast du ihr angetan? … was hast du mit ihr gemacht? … vernichtet hast du sie! … gequält und zerstört! … und dafür musst du büßen! … leiden sollst du! … so wie sie gelitten hat … im Dreck sollst du dich winden! … wie ein Schwein im Dreck … wie ein dreckiges Schwein im Dreck … und alle sollen wissen, was für ein dreckiges Schwein du in Wirklichkeit bist … und du selbst wirst es ihnen sagen … um Gnade winseln wirst du … auf deinen Knien wirst du um Vergebung bitten … und hilflos wirst du sein … so hilflos wie sie gewesen ist … aber es wird keine Gnade geben … es kann keine Gnade geben … denn ich werde keine Gnade kennen … so wie auch du keine Gnade gekannt hast … sie war so unschuldig … sie war so wehrlos … so wehrlos wie auch du sein wirst … aber du bist nicht unschuldig … du bist verdorben … verdorben bis ins Mark … und verdammt sollst du sein … in der Hölle schmoren sollst du … eine Hölle auf Erden werde ich dir bereiten … einheizen werde ich dir … schmoren sollst du, bis du verdampfst … verrecken sollst du – nein! nicht verrecken … das wäre zu einfach … zu harmlos wäre das … so leicht sollst du es nicht haben … leiden sollst du … elendig leiden … in deiner Seele soll es bohren … anspucken sollen dich alle … alle sollen wissen, was für ein widerliches Schwein du bist … keinen glücklichen Moment sollst du mehr haben … mit dem Finger auf dich zeigen sollen sie … und hinter dir herrufen sollen sie: DER WAR ES, DER HAT SIE AUF DEM GEWISSEN!“

 

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zuletzt aktualisiert am 14.08.14
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