Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Sonntag, 14. Juni
   Morgens bei der Schwedenprozession

Obwohl der Wittrich in dieser Nacht natürlich nicht so viel geschlafen hat, ist er dann am nächsten Morgen trotzdem wieder ziemlich früh aufgestanden, denn er wollte ja diesmal unbedingt bei der Schwedenprozession mitlaufen, weil – die Schwedenprozession ist in Kronach ja immer ein echtes Großereignis, besonders bei schönem Wetter, und das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es die Schwedenprozession schon seit ein paar hundert Jahren gibt, seit nämlich die Kronacher dem lieben Gott versprochen haben, jedes Jahr nicht nur an Fronleichnam eine Prozession zu machen, wie das bei den Katholiken ja ganz normal ist, sondern am Sonntag danach gleich noch einmal eine, und die sogar noch viel größer, nämlich von der Stadtpfarrkirche bis hoch zur Festung, einmal um die Festung herum und wieder zurück zur Stadtpfarrkirche, und wer schon einmal in Kronach gewesen ist, der hat vielleicht eine Ahnung davon, was für ein weiter Weg das ist und wie steil das da teilweise hoch geht, und wenn man bedenkt, dass man bei so einer Prozession nicht einfach nur locker spazieren geht, sondern dass man dabei auch noch Lieder singt und Gebete spricht und Kreuze und Fahnen und Heiligenfiguren mit sich herumträgt, dann weiß man auch, dass man dem lieben Gott so etwas natürlich nicht nur so aus Jux und Dollerei verspricht, sondern dass da mehr dahinter stecken muss, und bei den Kronachern hat da nämlich dahinter gesteckt, dass sie sich beim lieben Gott für seinen Schutz bedanken wollten, weil – vor ein paar hundert Jahren, also genauer: im Dreißigjährigen Krieg, da sind die Kronacher nämlich einmal belagert worden, und zwar von den Schweden, oder was sich damals so Schwede genannt hat, denn eigentlich sind das ja eher die Coburger und Kulmbacher gewesen, die für die Schweden gekämpft haben, denn damals im Dreißigjährigen Krieg, da haben sich ja die Protestanten und die Katholiken noch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, und deshalb haben auch die sogenannten Schweden aus Coburg und Kulmbach versucht, den Kronachern die Köpfe einzuschlagen, weil – die Kronacher sind natürlich schon immer katholisch gewesen, und die Coburger und Kulmbacher aber evangelisch, und als es dann einmal so ausgesehen hat, dass die evangelischen Schweden aus Coburg und Kulmbach nicht mehr lange brauchen, bis sie ein Loch in die Stadtmauer gebohrt haben und den katholischen Kronachern die Köpfe einschlagen können, da haben es die Kronacher dann doch mit der Angst zu tun bekommen und dem lieben Gott versprochen, dass sie für ihn jedes Jahr nicht nur an Fronleichnam eine Prozession machen, sondern dass sie außerdem am Sonntag nach Fronleichnam gleich noch einmal eine Prozession machen, und diesmal sogar bis zur Festung hoch, einmal drum herum und wieder zurück, und dabei Lieder singen und Gebete sprechen und Kreuze und Fahnen und Heiligenfiguren herumtragen, wenn der liebe Gott ihnen nur bloß die Coburger und Kulmbacher vom Hals hält. Und als der das dann tatsächlich gemacht hat, da mussten die Kronacher natürlich ihr Versprechen auch einhalten, und seitdem laufen sie jetzt jedes Jahr am Sonntag nach Fronleichnam von der Stadtpfarrkirche bis hoch zur Festung, einmal drum herum und wieder zurück und singen dabei Lieder und sprechen Gebete und tragen Kreuze und Fahnen und Heiligenfiguren mit sich herum, und wenn man mich fragt, warum die das heute immer noch so eifrig machen, dann würde ich sagen, dass es für die Kronacher eben auch heute immer noch sehr wichtig ist, sich die Coburger und Kulmbacher vom Hals zu halten.

Obwohl der Wittrich früher, als er noch in seiner alten Wohnung in der Oberen Stadt gewohnt hat und noch jünger und auch noch viel besser zu Fuß gewesen ist, nicht ein einziges Mal bei der Schwedenprozession mitgelaufen ist, sondern immer nur alles ganz bequem von seinem Fenster aus mit angehört hat, weil – bei der Kronacher Schwedenprozession wird nämlich heutzutage sehr viel mit Mikrophonen und Lautsprechern und sehr langen Kabeln gearbeitet, damit möglichst viele Menschen etwas davon mitbekommen, auch die, die in der Oberen Stadt wohnen und eigentlich viel lieber ausschlafen würden, und so einer ist der Wittrich ja früher auch gewesen, als er noch jünger war und in der Lucas-Cranach-Straße gewohnt und die Schwedenprozession über den Lautsprecher verfolgt hat, der nebem seinem Fenster angebracht war und alles ganz wunderbar in sein Schlafzimmer übertragen hat. Aber jetzt, wo er im Bürgerspital gewohnt hat und eigentlich gar nicht mehr so gut zu Fuß gewesen ist, da hat er plötzlich immer selber mitlaufen wollen, aber das ist bei den Menschen ja häufig so, dass sie Sachen machen, die für Außenstehende manchmal schwer zu erklären sind. Und deshalb ist der Wittrich also auch an diesem Sonntag wieder ziemlich früh aufgestanden, um rechtzeitig in der Stadtpfarrkirche zu sein, wo die Schwedenprozession immer um acht Uhr mit einer Messe beginnt, und auf dem Weg zur Stadtpfarrkirche hat er noch kurz einen Blick in den Offenen Bücherschrank auf dem Marienplatz geworfen, den der Lions-Club da erst vor ein paar Wochen aufgestellt hatte und in den jeder seine alten Bücher reinstellen kann, damit sie von anderen kostenlos ausgeliehen und gelesen werden können. Denn in diesen Offenen Bücherschrank hatte nämlich auch der Wittrich eine ganze Menge von seinen alten Büchern reingestellt, weil er ja im Bürgerspital eigentlich fast gar keinen Platz mehr dafür gehabt hat, aber als er dann gesehen hat, dass seine Bücher über Astrophysik und Quantenmechanik immer noch drin gestanden waren, da ist er schon ein bisschen enttäuscht darüber gewesen, dass die außer ihm offenbar niemand hat lesen wollen.

In der Messe in der Stadtpfarrkirche sind dann zwei von den ziemlich bekannten Stellen aus der Bibel vorgelesen worden, nämlich zum einen die Stelle aus dem Alten Testament, wo es heißt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, und zum anderen aus dem Neuen Testament die Stelle, wo Jesus sagt, dass man auch die linke Wange hinhalten soll, wenn man auf die rechte geschlagen wird, und die Predigt ist dann über diese beiden Texte gegangen, und dabei hat der Pfarrer dann gesagt, dass man die Sache mit dem Auge und dem Zahn nur ja im richtigen Zusammenhang sehen muss, weil – diese Regel ist damals ja gar nicht deswegen geschrieben worden, weil man die Leute zur Rache und Selbstjustiz aufstacheln wollte, sondern ganz im Gegenteil, weil man sie davon abhalten wollte, sich immer gleich völlig übertrieben zu rächen und Schlimmes mit noch viel Schlimmerem heimzuzahlen, damit sie zum Beispiel nicht etwa jemandem gleich seinen ganzen Kopf abschlagen, nur weil der ihnen vielleicht bloß ein Auge ausgestochen hat, sondern dass sie ihm dann eben auch nur ein Auge ausstechen und sich damit zufrieden geben, aber dann hat der Pfarrer gesagt, dass es natürlich noch viel besser wäre, wenn man heute nach der Regel mit der Wange geht und überhaupt kein Auge aussticht, wenn man gerade selber eines ausgestochen bekommen hat, sondern dass man seinen Feind dann nur freundlich darauf hinweist, dass er einem gerade ein Auge ausgestochen hat und dass er sich dafür was schämen soll. Der Pfarrer hat jedenfalls gemeint, dass er diese Methode selber schon häufig ausprobiert hätte und dass sie den Gegner ganz wunderbar verunsichern würde. Nur leider hat er dann kein Beispiel von sich erzählt, und beide Augen hat er auch noch gehabt.

Als dann später die Kommunion vorbei gewesen ist und alle das Lied „Nun preiset alle Gott“ gesungen hatten, da hat dann der Herr Berneth, das ist der Lektor, die Leute über den Lautsprecher aufgerufen, sich jetzt zur Schwedenprozession aufzustellen, und weil die Kronacher Frauen damals, also vor über dreihundert Jahren, als es so ausgesehen hat, dass die evangelischen Schweden aus Coburg und Kulmbach nicht mehr lange brauchen, bis sie den katholischen Kronachern die Köpfe einschlagen können, weil da die Kronacher Frauen ganz besonders tapfer gewesen sind und so unangenehme Dinge wie Steine und heißes Wasser auf die Coburger und Kulmbacher hinuntergeworfen haben, bis die irgendwann keine Lust mehr gehabt haben weiterzubohren, deshalb dürfen sich die Kronacher Frauen jetzt immer bei der Schwedenprozession ganz vorne, also gleich hinter den Ministranten mit dem Vortragekreuz aufstellen. Hinter ihnen kommt dann erst einmal eine Musikkapelle, und dann die Figur der Heiligen Anna, dann kommen die Fahnenträger der Katholischen Arbeiterbewegung, dann die Familien mit Kindern, dann der Kirchenchor, dann die Erstkommunionkinder, dann die Kinder von der Schwedla-Gruppe, dann, unter dem Stoffdach und mit den Feuerwehrleuten und den Leuchtenträgern als Begleitung der Pfarrer mit dem Allerheiligsten, dann die Kirchenverwaltung und der Pfarrgemeinderat, dann der Bürgermeister mit den Stadträten, dann die Leute vom Brauchtumsverein Alt-Kronach, dann die Bürgerwehr, dann die Polizei, dann wieder ein paar Ministranten, dann noch eine zweite Musikkapelle, dann der Heilige Josef, dann die Fahnengruppe vom Kolping-Verein, und erst dann, nach allen anderen, also ganz am Ende, die Männer der gesamten Pfarrei. Und da, also ganz am Ende, nach allen anderen, hat sich dann auch der Wittrich mit aufgestellt, und das war ihm ja im Grunde auch ganz recht so, dass er da ganz am Ende mitlaufen konnte, denn er hat es ja noch nie leiden können, wenn einer direkt hinter ihm geht und ihm dabei vielleicht ab und zu einmal aus Versehen in die Haxen tritt, und erst recht hat er das nicht leiden können, seit er nicht mehr so gut zu Fuß gewesen ist und nicht mehr so schnell gehen konnte wie die anderen, aber bei der Schwedenprozession ist das ja nicht so das Problem gewesen, denn erstens bewegt sich die sich ja schon allein wegen der ganzen Kreuze und Fahnen und Heiligenfiguren eher langsam vorwärts, und zweitens wird ja auf dem ganzen Weg hoch zur Festung und wieder zurück zur Stadtpfarrkirche noch vier Mal angehalten, weil – auf dem Weg sind nämlich vier Altäre aufgebaut, einer am Krieger-Ehrenmal unterhalb der Festung, einer oben auf dem Wall hinter der Festung, einer vorne an der Schwedenlinde vor der Festung und einer wieder ganz unten an der Ehrensäule auf dem Melchior-Otto-Platz, und an diesen Altären wird zwischendurch jeweils noch einmal eine kleine Andacht gefeiert, also mit Texten und Liedern und Gebeten, und wenn der Pfarrer dann jeweils am Ende so einer kleinen Andacht das Allerheiligste wieder in die Hand nimmt und herumzeigt, dann werden natürlich auch noch drei Kanonenböller abgeschossen, weil – ohne Kanonenböller läuft in Kronach ja fast gar nichts, denn das ist den Kronachern schon sehr wichtig, dass es zwischendurch immer einmal wieder ordentlich bumst und kracht, und bei der Schwedenprozession erinnern diese Kanonenböller ja natürlich auch daran, dass es bei der ersten Schwedenprozession vor über dreihundert Jahren nicht gerade besonders friedliche Zeiten gewesen sind, sondern dass es da ganz ordentlich gebumst und gekracht hat.

Weil sich die Schwedenprozession also eher langsam vorwärts bewegt, hat der Wittrich ganz in Ruhe hinterher wackeln können, und immer dann, wenn die Prozession an einem der vier Altäre angehalten hat, hat er in Ruhe seinen Rückstand wieder aufgeholt, und weil es an diesem Sonntag so strahlend schönes Wetter gewesen ist, dass diesmal besonders viele Leute mitgelaufen sind, da ist das natürlich auch gar nicht weiter aufgefallen, dass der Wittrich eigentlich immer nur die Hälfte von den Andachten mitbekommen hat, weil er ja immer erst wieder aufholt hatte, als schon wieder die Kanonen geböllert haben. Und deshalb ist er dann auch, als er mit der Prozession einmal um die Festung herum mitgelaufen war und schließlich wieder unten am Rathaus vorbeigekommen ist, gar nicht mehr hinter den anderen her durch die Lucas-Cranach-Straße hinunter zum letzten Altar am Melchior-Otto-Platz gegangen, sondern da ist er gleich rechts in die Amtsgerichtsstraße abgebogen, um nur noch das kleine Stückchen zur Metzgerei Wicklein hinunter zu wackeln, wo er dann natürlich einer der ersten am Würstchengrill gewesen ist, der sich ein Paar der leckeren Bratwürste geholt hat, die in der Zwischenzeit für die Teilnehmer der Schwedenprozession gegrillt worden sind. Und während er dann schon angefangen hat, seine Bratwürste zu essen, sind allmählich immer mehr von den anderen Teilnehmern der Prozession zum Würstchengrill gekommen, und eine Musikkapelle hat angefangen zu spielen, und der Getränkeausschank hat fleißig Getränke ausgeschenkt, und das Ganze ist dann noch wie ein richtiges kleines Volksfest gewesen, und fast wäre der Wittrich dann auch nach etwa einer dreiviertel Stunde wirklich gut gelaunt nach Hause ins Bürgerspital gegangen, wenn dann auf dem Heimweg nicht noch etwas passiert wäre, was ihn ziemlich mitgenommen hat. Als er nämlich die Amtsgerichtsstraße hinunter und über den Melchior-Otto-Platz an der Stadtpfarrkirche vorbei gewackelt ist und schon fast an der Treppe bei der Anna-Kapelle angekommen war, da hat er plötzlich hinter sich ein lautes Gebell gehört, das gar nicht mehr aufhören wollte, und als er sich dann herumgedreht hat, konnte er sehen, wie eine junge Frau einen großen Schäferhund an der Leine gehalten hat, der einen kleinen dicken Mann fürchterlich angebellt und dabei ziemlich gefährlich die Zähne gefletscht hat. Und was den Wittrich dabei erst einmal gewundert hat, war, dass die junge Frau gar nicht so richtig versucht hat, ihren Schäferhund von dem dicken Mann wegzuziehen, sondern dass sie die Hundeleine genau so lang gelassen hat, dass der Schäferhund dem Mann zwar nicht gerade an die Gurgel springen konnte, ihn aber doch ganz schön in die Enge getrieben hat, denn der dicke Mann hat ja gar keine Chance gehabt wegzulaufen, wo er doch mit dem Rücken schon ganz nah an der Kirchenmauer gestanden ist. Und dann hat plötzlich nicht nur der Hund wie verrückt gebellt und gefährlich die Zähne gefletscht, sondern die junge Frau hat auch angefangen, die Zähne zu fletschen und den dicken Mann anzubellen, und als dann der dicke Mann auch noch zurückgebellt hat, konnte der Wittrich bloß noch ein paar Fetzen von dem ganzen Gebell verstehen, und das hat dann in seinen Ohren ungefähr so geklungen:

„WOUWOU … hätten Sie ihn doch angeleint … WOUWOU … naa, dess louß ich niä gält … WOUWOU … aber nach dem Jagdgesetz … WOUWOU … no suu a Blöjdsinn … WOUWOU … auch im Wald nicht frei herum … WOUWOU … ja, wu köhmet mä denn dou hii … WOUWOU … und wenn Sie nicht sofort … WOUWOU … du host miich üübehapps nex ze soung … WOUWOU … da können Sie sich auf eine Anzeige wegen Nötigung … WOUWOU … dess gedd miich fei om Ohsch vebei … WOUWOU … sehen wir uns dann vor Gericht … WOUWOU … su vill Drejk om Schdäckn wi … WOUWOU … da wäre ich an Ihrer Stelle ganz vorsich… WOUWOU … wennsdna du kaa Schbeezi vö unnem Börchemassde… WOUWOU … am besten auch noch abknallen … WOUWOU … griggsd schou irchnzwann dei gerächda Schdrouf … WOUWOU … ist es aber ruckzuck vorbei mit … WOUWOU … waddna bis mei Moo diich … WOUWOU … der soll sich selber mal schön in Acht … WOUWOU … du kümmsdna bessä niä nei di Kwää … WOUWOU … “

Und weil der Wittrich also höchstens die Hälfte von dem ganzen Geschrei verstanden hat, hat er hinterher den Franz Kretzschmar gefragt, worüber sich die junge Frau und der dicke Mann da eigentlich gestritten haben, denn der Franz Kretzschmar, der ist ja in der Zwischenzeit auch vom Melchior-Otto-Platz herunter gelaufen gekommen, und weil der ein echter Kronacher ist und die beiden Streithähne gekannt hat, hat er sich dann schließlich eingemischt und versucht, die junge Frau abzulenken, damit sich der dicke Mann in der Zwischenzeit verdrücken kann. Und als der dicke Mann dann hinter der Stadtpfarrkirche in seinem Auto verschwunden ist und die Frau mit dem Schäferhund sich wieder in Richtung Bamberger Tor verzogen hatte, ist der Wittrich dann mit dem Franz Kretzschmar die Treppe zum Stadtgraben hinuntergegangen, und da hat der ihm erzählt, dass die junge Frau die Stephanie Fehn gewesen ist und der dicke Mann der Dr. Hermann Schwenglein, und dass der Dr. Schwenglein ein Hobbyjäger ist und erst vor etwa drei Monaten einen Hund von der Stephanie Fehn im Wald erschossen hat, denn als die da mit ihrer Kira spazieren gegangen ist und die Hündin gerade einmal außer Sichtweite war, da sind plötzlich zwei Schüsse gefallen und die Kira hat plötzlich nicht mehr auf das Rufen von ihrem Frauchen reagiert, und da ist dann die Stephanie Fehn losgerannt und hat schließlich ihre Kira auch gefunden, allerdings ist die da schon tot gewesen, und der Dr. Schwenglein hat mit dem Gewehr in der Hand daneben gestanden und hat gesagt, dass er gedacht hat, die Kira wäre ein Wildschwein, aber die Stephanie Fehn hat ihm das nicht geglaubt, weil die Kira nämlich ein Husky gewesen ist, und ein Husky sieht ja eigentlich gar nicht so aus wie ein Wildschwein, schon wegen der Farbe, und als der Dr. Schwenglein dann später von der Polizei befragt worden ist, da hat er dann ja auch plötzlich behauptet, er hätte die Kira erschossen, weil die nämlich gewildert hätte und weil wildernde Hunde schließlich nach dem Jagdgesetz erschossen werden dürften. Und dann hat der Franz Kretzschmar dem Wittrich noch erzählt, dass der Dr. Schwenglein ein wichtiger und einflussreicher Mann ist und ein Parteifreund vom Bürgermeister und ein Mitglied in der Schützengesellschaft und sogar ein Ehrenmitglied im Jagdschutz- und Jägerverband, und deshalb würde es dem wahrscheinlich nicht so schnell an den Kragen gehen, weil es sich ja schließlich niemand mit so einem wichtigen Menschen verscherzen möchte. Und da hat der Wittrich dann auch verstanden, warum der neue Hund von der Stephanie Fehn den Dr. Schwenglein so gefährlich angebellt hat, denn Hunde haben ja eine ganz feine Nase und können das vermutlich irgendwie riechen, wenn jemand zwar ein wichtiger und einflussreicher Mensch ist, aber deswegen ja noch lange kein großer Tierfreund sein muss.

Als der Franz Kretzschmar und der Wittrich dann endlich unten am Fuß der Treppe angekommen sind, da hat der Franz Kretzschmar den Wittrich noch gefragt, ob er denn nicht Zeit und Lust hätte, ihn einmal irgendwann in der nächsten Woche in seiner Werkstatt zu besuchen und sich das schöne alte Tafelklavier aus England anzusehen, das er letzte Woche zum Restaurieren reinbekommen hat, weil – der Franz Kretzschmar ist nämlich ein Klavierbauer und Restaurator und richtet alte Instrumente wieder her, und der Wittrich hat sich schon immer sehr für alte Instrumente interessiert, denn er ist ja nicht nur ein studierter Physiker gewesen, sondern auch ein großer Musikliebhaber, und da hat der Wittrich dann gesagt, dass er natürlich gerne einmal vorbeikommt und sich das Tafelklavier ansieht und dass er dann auch einen Apfelstrudel vom Bäcker mitbringen kann und dass sie sich ja dann bei schönem Wetter noch in den Garten setzen und ein bisschen plaudern können, und der Franz Kretzschmar hat das eine gute Idee gefunden, und so haben sie sich dann verabschiedet, und der Franz Kretzschmar ist nach rechts in Richtung Hypo-Vereinsbank gegangen und der Wittrich nach links in Richtung Bürgerspital, und im Weggehen hat der Wittrich dann noch einmal über den platten Fuß vom Johann Kaspar Zeuß gestreichelt, der da unten am Fuß der Treppe auf seinem spitzen Stein sitzt, denn das hat der Wittrich eigentlich immer gemacht, wenn er da vorbeigekommen ist, weil – irgendwie hat ihm der Johann Kaspar Zeuß ja auch ein bisschen leid getan, wie er da so stocksteif auf seinem spitzen Stein sitzen muss, und der Wittrich hat sich immer gefragt, ob der Johann Kaspar Zeuß wirklich so ein steifer Typ gewesen ist, dass er so eine steife Statue verdient hat, bloß weil er der erste gewesen ist, der eine keltische Grammatik geschrieben hat, aber dann hat sich der Wittrich gedacht, dass man ja vielleicht wirklich ein bisschen steif sein muss, um eine keltische Grammatik zu schreiben, und dann würde das mit der steifen Statue schon auch irgendwie seine Richtigkeit haben.


„… was hast du dir eigentlich dabei gedacht? … kannst du überhaupt an etwas anderes denken als an dich selbst? … sind dir die anderen wirklich scheißegal? … du hast uns alle verraten … verraten und im Stich gelassen … und du bist natürlich fein raus … dich geht das ja alles nichts mehr an … du hast dein Werk verrichtet und scherst dich einen Scheißdreck um uns … aber so einfach kommst du uns nicht davon … so einfach lassen wir dich nicht ziehen … du hast wohl gedacht, wir lassen das einfach so mit uns machen? … du hast wohl gedacht, du könntest uns schön an der Nase herumführen? … und wir haben ja auch wirklich noch an dich geglaubt … wir haben ja gedacht, du stehst auf unserer Seite … wir haben gedacht, du bist einer von uns und du wirst dich schon für uns einsetzen … aber du bist eben keiner von uns … du hast dich ja nur für dich selber eingesetzt … du bist doch wirklich das Allerletzte … eine miese kleine Kröte bist du … eine schäbige Kakerlake … und wie Ungeziefer muss man dich auch behandeln … du sollst doch mal am eigenen Leib spüren, wie das ist … wie sich das anfühlt, wenn man nur ein Stück Dreck ist … wie sich das anfühlt, wenn man am Ende ist … wenn alles zusammenbricht, was man sich aufgebaut hat … wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll … und ob es überhaupt weitergeht …“

 

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zuletzt aktualisiert am 14.08.14
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