Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Montag, 15. Juni
   Abends unter der Weide

Am nächsten Tag, also am Montag nach dem Schwedensonntag ist dann erst einmal noch gar nicht so viel passiert, außer dass der Wittrich sich nach dem Abendessen noch ein Weilchen mit der Mandy Förtsch unter die alte Weide gesetzt hat, die auf dem schmalen Streifen Wiese zwischen dem Bürgerspital und dem Flüsschen Kronach steht und die ihre Zweige bis fast hinunter ins Wasser der Kronach hängen lässt, denn da haben die beiden ja öfter einmal zusammen gesessen, wenn das Wetter schön gewesen ist und wenn die Mandy zwischendurch ein bisschen Zeit gehabt hat, und dann hat ihr der Wittrich meistens aus einem Buch vorgelesen, das sich die Mandy gerade aus der Bücherei ausgeliehen hatte, denn obwohl der Wittrich ja einen kleinen Sprachfehler gehabt hat, weil er nämlich beim Sprechen immer einmal wieder kurz an einem Buchstaben hängen geblieben ist, bevor er weitersprechen konnte, ist er doch trotzdem ein ziemlich leidenschaftlicher Vorleser gewesen, und das hat sich wunderbar getroffen, denn die Mandy wiederum ist wirklich eine ganz leidenschaftliche Zuhörerin gewesen, und deshalb hat der Wittrich ihr dann auch an diesem Montagabend noch ein bisschen aus einem Kriminalroman vorgelesen, aber als dann irgendwann die Sonne hinter ein paar Wolken verschwunden war und der Wittrich gerade an die Stelle gekommen ist, an der der Kommissar Matthäi die kleine Annemarie mit den Schokoladenigeln findet, die sie vom Zauberer bekommen hat, da ist die Mandy plötzlich aufgestanden und hat dem Wittrich die Decke um die Schultern gelegt, auf der sie vorher gesessen war und die deshalb auch noch ganz warm von ihrem Hintern gewesen ist, und dann hat die Mandy gesagt:
– „Dess mä uns fei niä veküüln, Hä Widdrich!“ und dann hat ihm beim Aufstehen geholfen, hat den Klappstuhl und das Buch in die eine Hand genommen und sich mit dem anderen Arm bei ihm eingehakt und ist mit ihm über das Wiesenstück zurück bis zu der kleinen Mauer gegangen, wo sie ihn dann gestützt hat, damit er heil hinter ihr her klettern kann, und dann sind die beiden durch den Hintereingang wieder ins Bürgerspital gegangen, wo die Mandy den Wittrich noch bis zu seinem Zimmer gebracht und ihm eine gute Nacht gewünscht hat, bevor sie nach Hause gefahren ist.


„… wenn ich den in die Finger kriege … wenn ich den erwische … der kann sich auf etwas gefasst machen … der soll besser schon mal sein Testament aufsetzen … da muss es doch eine höhere Gerechtigkeit geben … da kann doch der liebe Gott nicht einfach so zuschauen … und wenn DER nur zuschaut, dann muss ICH eben handeln … das kann doch nicht sein, dass da alle immer nur weggucken … den muss doch mal einer in seine Schranken verweisen … der kann doch nicht einfach tun und lassen, was er will … ja, soll ich denn Angst haben? … was kann mir denn schon passieren? … was will er denn ausrichten gegen mich? …wenn ich mit ihm fertig bin, traut der sich gar nichts mehr … den mach ich schon unschädlich … dem bring ich bei, was es heißt, Respekt zu haben …“


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zuletzt aktualisiert am 14.08.14
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