Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Dienstag, 16. Juni
   Tagsüber in Bamberg und abends wieder in Kronach

Am Dienstag nach dem Schwedensonntag ist der Wittrich dann gleich morgens nach dem Frühstück zum Bahnhof gegangen und hat einen Zug nach Bamberg genommen, denn das hat er ja manchmal auch ganz gerne gemacht, dass er einfach so einen Tag lang nach Bamberg oder nach Nürnberg und sogar auch schon einmal bis nach München gefahren ist, nur um dort ein wenig herumzulaufen, einen Kaffee zu trinken und ein Stückchen Kuchen zu essen und um dabei die vielen verschiedenen Leute zu beobachten, die in einer Großstadt leben, denn auch wenn es dem Wittrich in Kronach wirklich gut gefallen hat, hat er es doch trotzdem ab und zu einmal gebraucht, ein bisschen Großstadtluft zu schnuppern, und deshalb ist er auch an diesem Dienstag gleich nach dem Frühstück nach Bamberg gefahren, wo er sich dann einen schönen Tag gemacht hat und Schritt für Schritt bis hoch zum Dom gewackelt ist, um die Aussicht zu genießen, und wo er auch wieder einmal über das Bein des kleinen gemalten Engels schmunzeln musste, das oben am Rathaus aus der Mauer herausschaut, und bevor er dann in den Zug zurück nach Kronach gestiegen ist, hat er sich noch im MacDonalds am Bahnhof einen BigMäc gekauft und sich darüber gefreut, dass er dafür immer noch nicht zu alt gewesen ist, und dass man so einen BigMäc auch dann noch ganz gut kauen kann, wenn man eigentlich kaum noch einen eigenen Zahn im Mund hat.

Als der Wittrich dann am frühen Abend wieder in Kronach aus dem Zug gestiegen ist, da ist er zwar vom vielen Herumlaufen in Bamberg schon ganz schön müde gewesen, aber so müde er ist dann auch wieder nicht gewesen, dass er nicht noch genug Kraft für einen kleinen Umweg gehabt hätte, denn als er dann aus dem Zug gestiegen ist, da ist er nicht gleich vom Bahnhof aus schnurstracks zum Bürgerspital gegangen, sondern er ist vom Bahnhofsplatz aus erst einmal links in Richtung Adolf-Kolping-Straße eingebogen, hat dann kurz vor der Postkartenansicht die Fußgängerbrücke über die Haßlach genommen, ist am Appel’s Max und am Fränkischen Tag vorbei bis vor zum Juwelier Müller gegangen, hat dann am Zebrastreifen die Schwedenstraße überquert und ist die Treppe zum Bamberger Tor hochgestiegen, um schließlich wieder Schritt für Schritt die Amtsgerichtsstraße hoch zu wackeln, weil – das hat den Wittrich dann ja doch immer noch irgendwie beschäftigt, dass er da vor zwei Tagen mitten in der Nacht jemanden gesehen hatte, der eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und verschiedene andere Dinge in das Haus vom Weißmüller geschleppt hat, und jetzt hat er sich gedacht, dass er ja vielleicht im Vorbeigehen sehen kann, was da bei seiner alten Wohnung vor sich geht, aber wie er dann beim historischen Rathaus Schritt für Schritt um die Ecke herumgekommen und in die Gasse eingebogen ist, die die Amtsgerichtsstraße mit der Lucas-Cranach-Straße verbindet, da hat er zunächst einmal nur den Schwanz vom Fridolin gesehen, und dann beim nächsten Schritt den Rumpf vom Fridolin und erst dann den Kopf mit der Leine, die vom Fridolin zu seinem Frauchen geführt hat, und dann beim nächsten Schritt das Frauchen selber, und erst, als er dann schon ganz um die Ecke herum gekommen war, hat er schließlich auch noch die andere Frau gesehen, die neben dem Frauchen vom Fridolin gestanden ist und sich mit ihm unterhalten hat, also mit dem Frauchen vom Fridolin, meine ich, und als der Wittrich dann an den dreien vorbeigekommen ist, da hat er auch mitbekommen, worüber die sich unterhalten haben, denn die haben ja so laut gesprochen, dass der Wittrich das auch ohne sein Hörgerät problemlos verstanden hätte, und da hat das Frauchen vom Fridolin dann gesagt:

– „Ja, der Fridolin, das ist ein ganz ein Braver!“ und dann hat sie ein paar Sekunden lang geschwiegen, bevor sie noch einmal gesagt hat:

– „Ja, ein ganz ein Braver ist der Fridolin!“ und dann hat sie wieder eine Weile geschwiegen, bevor sie noch ein drittes Mal gesagt hat, dass der Fridolin ein ganz ein Braver ist, und dann hat schließlich auch die andere Frau das Wort ergriffen und gefragt:

– „Und jetzt? Jetzt geht’s wohl heim?“, worauf das Frauchen vom Fridolin geantwortet hat:

– „Ja, jetzt geht’s heim“, und dann ist sie losgegangen und hat an der Leine vom Fridolin gezerrt und dabei geschrien:

– „Na, komm schon, Fridolin, jetzt komm schon!“ und bevor der Fridolin sich bewegt hat, hat er sie noch ein bisschen an der Leine zerren lassen, aber dann ist er auch losgegangen, hinter seinem Frauchen her, und ein paar Sekunden später hat das Frauchen dann noch gerufen:

– „Daheim ist daheim“, und nochmal ein paar Sekunden später hat die andere Frau geantwortet:

– „Kronach ist Kronach“, aber da ist der Wittrich dann schon längst vor seiner alten Haustür gestanden und hat gesehen, dass es da eigentlich nichts zu sehen gegeben hat, und deshalb ist er dann zurück ins Bürgerspital gewackelt und hat immer noch nicht gewusst, wieso da jemand mitten in der Nacht eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und verschiedene andere Dinge in das Haus vom Weißmüller in der Oberen Stadt geschleppt hat.


„… du willst uns wohl fertig machen? … du meinst wohl, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen? … du meinst wohl, du allein kennst die Wahrheit? … und was dir nicht passt, muss weichen … du hinterhältiges Biest … du intrigante Ratte … aber so leicht lassen wir uns nicht aus dem Weg räumen … wir werden für unsere Rechte kämpfen … auch wenn ihr euch gegen uns verbündet … aber so könnt ihr mit uns nicht umspringen … so nicht … ihr steckt doch alle unter einer Decke … ihr haltet alle schön zusammen … aber wir lassen uns nicht so einfach vertreiben … wir leben schließlich in einem freien Land … und wenn euch nicht passt, was wir denken, dann ist das euer Problem … ihr sollt mal erleben, wie es ist, wenn man unter Druck gesetzt wird … das möchte ich sehen, ob ihre eure Klappe dann auch noch so weit aufreißt, wenn es euch an den Kragen geht … wenn es bei euch um die Existenz geht … wenn eure schöne heile Welt aus den Fugen gerät … dann will ich mal sehen, wie weit es mit eurer Unbeugsamkeit her ist …wie du mir, so ich dir! … wie ihr uns, so wir euch! …“

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zuletzt aktualisiert am 14.08.14
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