Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

<< Inhaltsverzeichnis

<< voriges Kapitel

Mittwoch, 17. Juni
   Mittags im Café Kitsch

Am Mittwoch nach dem Schwedensonntag ist der Wittrich dann morgens nach dem Frühstück im Flur vom Bürgerspital gestanden und hat den Aushang gelesen, den die neue Heim- und Pflegedienstleiterin dort ans Schwarze Brett gehängt hatte, um sich den Bewohnern des Spitals vorzustellen, und da ist er schon ziemlich beeindruckt gewesen, was die Diplom-Pflegewirtin Cordula Schnappauf so alles auf dem Kasten gehabt hat, weil – da waren ja Dinge dabei, von denen der Wittrich noch nie gehört hatte, und deshalb hat er sich dann auch gleich einen Zettel und einen Stift aus seinem Zimmer geholt und hat sich genau aufgeschrieben, dass sich die Cordula Schnappauf „mit effizienter Personalführung und ‑entwicklung genauso vertraut gemacht hat wie mit der Sicherstellung und Optimierung von Pflege- und Dienstleistungsprozessen“ und dass sie in ihrer vorhergehenden Anstellung „als Qualitätsbeauftragte mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung der Qualitätspolitik sowie der Umsetzung der Qualitätsziele“ beauftragt gewesen ist, und dass sie „deren Umsetzung, Kontrolle und Ausbau erfolgreich mit der Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001:2008“ abgeschlossen hat. Aber weil die Schrift auf dem Aushang so klein gewesen ist, dass dem Wittrich schon nach ein paar Zeilen die Augen getränt haben, hat er dann die Mandy Förtsch geholt und sie gebeten, ihm den Rest vorzulesen, und so haben die beiden dann außerdem noch erfahren, dass die Cordula Schnappauf früher einmal „im Rahmen der internen Audits die Konformität des QM-Systems mit der DIN ISO 9001 und den Anforderungen der Qualitätsgrundsätze der DEGEMED“ überprüft hat, und da ist der Wittrich dann wirklich sehr froh darüber gewesen, dass die Leitung des Bürgerspitals in Zukunft in so kompetenten Händen liegen würde, und er hat es dann auch nur noch ein kleines bisschen schade gefunden, dass auf dem Zettel trotz der winzigen Schrift gar kein Platz mehr dafür gewesen ist, dass die neue Heim- und Pflegedienstleiterin den Bewohnern des Bürgerspitals zum Beispiel noch ein harmonisches Miteinander mit ihr hätte wünschen können.

Als der Wittrich sich alles genau aufgeschrieben hatte, ist er wieder in sein Zimmer gegangen und hat den Zettel mit der Notiz gelocht und in einem Aktenordner mit der Aufschrift „Wissenswert 11“ abgeheftet, weil – seit seine Rosalie vor ein paar Jahren gestorben war, hat der Wittrich ja wirklich versucht, eine gewisse Ordnung in seinen Sachen zu halten, denn er ist ja von Natur aus nicht gerade das gewesen, was man einen Ordnungsfanatiker nennen könnte, und die Rosalie, also seine Frau, die hat es schon manchmal wirklich nicht gerade leicht gehabt mit so einem unordentlichen Menschen wie ihm, denn sie hat ja irgendwie die Wohnung in Ordnung halten wollen, während der Wittrich immer nur wieder neue Bücher und Schallplatten und Kassetten und Zeitschriften und Karten und Zettel und Zeitungsausschnitte und Quittungen und Bedienungsanleitungen und was nicht alles angeschafft und angeschleppt und aufgehoben hat, und wenn die Rosalie dann einmal ganz vorsichtig angedeutet hat, dass er doch sowieso keinen Überblick mehr über seine ganzen Schätze hat und dass er vielleicht einmal anfangen sollte, eine Ordnung in seine Sachen zu bringen, da hat der Wittrich immer nur verschmitzt mit dem linken Auge gezwinkert und gesagt „das Genie beherrscht das Chaos, nur der Kleingeist braucht die Ordnung“, und irgendwie hat er damit ja auch ein bisschen Recht gehabt, denn der Wittrich hat manchmal plötzlich Zusammenhänge gesehen, wo andere einfach nur ein großes Durcheinander gesehen haben. Aber seit seine Rosalie vor ein paar Jahren gestorben ist, hat der Wittrich dann ja doch versucht, ein bisschen Ordnung in seine Sachen zu bringen, und das ist ja auch wirklich nötig gewesen, nachdem er ins Bürgerspital umgezogen war, denn dort hat er ja gar nicht mehr genug Platz gehabt für seine ganzen Kartons mit den Büchern, Schallplatten, Kassetten, Zeitschriften, Karten, Zetteln, Zeitungsausschnitten, Quittungen und Bedienungsanleitungen und was nicht alles, und deshalb hat er an diesem Mittwoch morgen nach dem Schwedensonntag auch den Zettel mit der Notiz über die neue Heim- und Pflegedienstleiterin in den Ordner mit der Aufschrift „Wissenswert 11“ eingeheftet, obwohl – man muss ja ehrlicherweise sagen, dass das seine Sachen auch nicht viel ordentlicher gemacht hat, weil er ja in diesen Ordner eigentlich so ziemlich alles abgeheftet hat, was er sich aufgeschrieben oder irgendwo mitgenommen hat, weil er ja auch so ziemlich alles wissenswert gefunden hat, und vielleicht hätte er auf seine Ordner auch besser etwas anderes schreiben sollen als „Wissenswert“, denn inzwischen hat er ja nun schon elf von diesen Ordnern gehabt und immer alle elf davon durchblättern müssen, wenn er etwas Bestimmtes gesucht hat – aber das war ja auch wieder irgendwie typisch für den Wittrich, dass er sich immer nur ganz schlecht hat entscheiden können, und deshalb hat er sich natürlich auch ganz schlecht entscheiden können, wo er etwas einsortieren soll, egal, ob das ein Buch, eine Schallplatte, ein Zeitungsausschnitt oder einfach nur ein Gedanke gewesen ist, und wenn die Rosalie ihn dann manchmal ganz vorsichtig damit aufgezogen hat, dass er sich wohl wieder einmal nicht entscheiden kann, wo er seine ganzen neuen Sachen hintun soll, dann hat der Wittrich wieder nur verschmitzt mit dem linken Auge gezwinkert und gesagt, dass er eben darauf wartet, dass die Dinge an ihren rechten Platz fallen, und auch damit hat er ja schon wieder ein bisschen Recht gehabt, denn oft haben die Sachen dann plötzlich an einer passenden Stelle im Regal gestanden. Aber wenn man mich fragt, wie das gekommen ist, dann würde ich sagen, dass da doch die Rosalie heimlich ein bisschen nachgeholfen hat.

Als der Wittrich jedenfalls den Zettel mit der Notiz über die neue Heim- und Pflegedienstleiterin im Ordner „Wissenswert 11“ abgeheftet hatte, ist er dann in den Gemeinschaftsraum gegangen und hat sich umgesehen, wie er sich wohl die Zeit bis zum Mittagessen vertreiben könnte, und dann hat er ein bisschen mit der alten Frau Meusel „Mensch-ärgere-dich-nicht“ gespielt und ein bisschen dem alten Herrn Fiedler zugehört, wie der von seiner Zeit als Grenzschutzbeamter an der Thüringischen Grenze erzählt hat, die ja damals noch die Grenze zur DDR gewesen ist und hier ganz in der Nähe liegt, und als es dann auf Mittag zugegangen ist, hat der Wittrich irgendwann in der Küche Bescheid gesagt, dass er heute einmal nicht im Bürgerspital essen will, sondern auswärts essen geht, denn das hat er ja manchmal gemacht, wenn er das Essen im Bürgerspital leid gewesen ist, wobei – man kann jetzt wirklich nicht sagen, dass das Essen im Bürgerspital nicht gut wäre, nein, wirklich, das Essen im Bürgerspital ist einwandfrei, nur hat der Wittrich eben manchmal etwas Abwechslung gebraucht, und deshalb ist er ab und zu auch einmal auswärts essen gegangen, und wenn man eines in Kronach wirklich sehr gut machen kann, dann ist es auswärts essen gehen.

An diesem Mittwoch ist der Wittrich dann einmal wieder ins Café Kitsch gegangen, denn die kochen da mittags ja ganz leckere Sachen und bereiten die auch ganz gesund zu, und wenn man keine große Auswahl braucht, sondern einen vielseitigen Geschmack hat, dann ist man mit dem Essen im Café Kitsch wirklich immer gut bedient. Außerdem ist das Café Kitsch nicht weit vom Bürgerspital entfernt, und so musste der Wittrich ja nur über die Spitalbrücke gehen, dann bei der Fußgängerampel die Kulmbacher Straße überqueren und an der Volkshochschule, am Backhaus Müller, am Musikhaus Geiger, am Jugendtreff Struwwelpeter, am Franken-Verlag, an der Agentur für Arbeit, an der Bonnfinanz und an der Reha-Praxis Erhardt vorbei die Rodacher Straße entlang laufen, und schon ist er im Café Kitsch gewesen.

Dort hat er sich dann an der Essensausgabe ein Orangenhühnchen geholt und ist damit raus in den Innenhof gegangen, weil ja immer noch so schönes Wetter gewesen ist, dass man herrlich draußen sitzen konnte, und im Innenhof war dann sogar noch ein ganzer Tisch frei, weil – wenn mittags dort die ganzen Schüler von der Berufsschule sitzen, die gleich nebenan ist, und ihre Pommes mit Mayo essen und ihr Bier dazu trinken, und wenn da außerdem noch die ganzen Berufstätigen sitzen, die in ihrer Mittagspause schnell einmal ins Café Kitsch springen, um eine warme Mahlzeit einzunehmen, dann kriegt man da manchmal kaum noch einen Platz, aber diesmal hat der Wittrich Glück gehabt und noch einen freien Tisch gefunden, und als er angefangen hat, sein Orangenhühnchen zu essen, ist dann nach ein paar Minuten auch schon die Jana Weißmüller zu ihm gekommen und hat gefragt, ob er etwas trinken möchte, denn die Jana Weißmüller, also die Tochter vom alten Weißmüller, dem ehemaligen Vermieter vom Wittrich, die hat ja im Café Kitsch als Bedienung gearbeitet, und ich glaube sogar, dass der Wittrich an diesem Mittwoch nach dem Schwedensonntag gar nicht zufällig ins Café Kitsch gegangen ist, sondern deshalb, weil er heimlich darauf gehofft hat, dass er da die Jana Weißmüller trifft, denn die hat er dann nämlich so ganz nebenbei einmal nach seiner alten Wohnung gefragt und ob die denn inzwischen schon wieder vermietet ist oder ob sich wenigstens jemand dafür interessiert hat und ob da vielleicht sogar gerade etwas umgebaut wird, weil – den Wittrich hat das natürlich schon brennend interessiert, wieso er da vor ein paar Tagen mitten in der Nacht jemanden gesehen hatte, der eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und verschiedene andere Dinge in das Haus vom Weißmüller geschleppt hat. Aber natürlich wollte der Wittrich der Jana Weißmüller ja auch nicht gleich verraten, dass er mitten in der Nacht durch die Stadt streunt wie ein herrenloser Kater, und deshalb hat er sie dann auch nur ganz wie nebenbei nach seiner alten Wohnung gefragt, und sie hat sich auf ein kurzes Geplauder mit ihm eingelassen, weil ja gerade nicht so viel los gewesen ist im Café Kitsch an diesem Mittwoch, und so hat die Jana dem Wittrich dann erzählt, dass sie nichts davon weiß, dass da schon ein neuer Mieter gefunden worden wäre und dass ihr Vater ihr das sicher erzählt hätte, wenn es so gewesen wäre, und dass sie in letzter Zeit nur ein paarmal jemandem das Haus gezeigt hat, wie zum Beispiel vor ein paar Wochen den Leuten von „Kronach Creativ“, also dem hiesigen Regionalmarketing-Verein, mit dem Roland Porzelt und der Corinna Sesselmann oder dann ein paar Tage später den Leuten vom Verein „1000 Jahre Kronach“, mit dem Altbürgermeister Norbert Zimmer und dem Viertelmeister Heinz Thaler, weil – im Erdgeschoss, wo ganz früher einmal die Städtische Sparkasse und dann später auch einmal eine Polizeiwache drin gewesen ist, da ist ja zuletzt, also bis vor etwa einem Jahr noch ein Schlecker drin gewesen, aber jetzt stehen die großen Schaufenster schon eine ganze Weile leer, und da haben sich dann inzwischen schon einige Leute dafür interessiert, ob man in diesen großen Schaufenstern nicht wenigstens eine Ausstellung über das historische Kronach machen kann, für die Touristen zum Beispiel, oder ob man die Räume nicht für eine Lichtinstallation bei „Kronach leuchtet“ nutzen kann, wenn nämlich im Juli wieder einmal die ganze Obere Stadt eine Woche lang nachts mit bunten Lampen beleuchtet wird. Aber etwas Konkretes hätte sich daraus bis jetzt noch nicht ergeben, hat die Jana Weißmüller dann gesagt, obwohl das ja schon schön wäre, wenn die Schaufenster nicht mehr so leer und nackt bleiben würden, denn in der Oberen Stadt gäbe es schließlich schon genug leer stehende Schaufenster, seit jetzt auch noch die alte Frau Krümmer ihren Schuhladen aufgegeben hat. Und da hat der Wittrich gesagt, dass es schon ein bisschen traurig ist, dass sich ja fast gar kein Geschäft mehr in der Oberen Stadt halten kann, weil inzwischen wohl alle viel lieber zum Einkaufen in die großen Märkte am Stadtrand fahren, wo sie ja auch viel besser mit dem Auto hinkommen und keine Parkgebühren zahlen müssen und wo es ja auch viel mehr Platz für Verkaufsfläche gibt. Und so sind der Wittrich und die Jana Weißmüller schließlich wieder einmal darauf gekommen, dass die Obere Stadt wohl allmählich ausstirbt, weil ja auch kaum noch Leute dort wohnen wollen, wo man keine Geschäfte hat und keine Garagen oder Stellplätze fürs Auto und wo man seit ein paar Jahren sogar als Anwohner für den Parkplatz oben hinter dem neuen Rathaus eine Gebühr bezahlen muss. Aber irgendwann hat die Jana Weißmüller dann doch wieder ein bisschen arbeiten müssen, und deshalb hat sie dem Wittrich dann zwar noch eine Apfelschorle geholt, aber sie hat sich nicht mehr weiter unterhalten können, und deshalb hat der Wittrich dann auch nach seinem Orangenhühnchen immer noch nicht gewusst, wieso da jemand mitten in der Nacht eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und verschiedene andere Dinge in das Haus vom Weißmüller in der Oberen Stadt geschleppt hat.

 

nächstes Kapitel >>


© 2010
zuletzt aktualisiert am 14.08.14
www.bmschuermann.gmxhome.de