Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Donnerstag, 18. Juni
   Nachmittags im Seniorencafé

Am Donnerstag nach dem Schwedensonntag hat sich der Wittrich dann nachmittags mit der Ulla Klempp im Seniorenhaus vom Bayerischen Roten Kreuz in der Friesener Straße getroffen. Die Ulla Klempp war ja auch schon seit ein paar Jahren in Rente und kannte den Wittrich noch aus ihrer Zeit als Sekretärin in der Musikschule, wo er ja früher regelmäßig ein und aus gegangen ist, weil – der Wittrich hat nämlich schon als kleiner Junge das Geigespielen gelernt, und irgendwann ist er dann auf die Bratsche umgestiegen und hat als Student an der Technischen Universität Berlin im Uni-Orchester mitgespielt, und danach dann während der zwanzig Jahre bei der Phonetica Radio GmbH im Werksorchester, denn damals hatten die großen Unternehmen ja häufig sogar noch eigene Sinfonieorchester, was man sich heute ja kaum noch vorstellen kann, und als er dann schließlich nach Kronach gezogen ist, da hat es hier nur das Streichorchester der Cäcilia gegeben, in das der Wittrich dann auch irgendwann eingetreten ist, und weil die Cäcilia schon seit vielen Jahren in den Räumen der Musikschule in der Kulmbacher Straße probt, hat der Wittrich dann auch irgendwann die Ulla Klempp kennengelernt, die nämlich als Sekretärin der Musikschule gearbeitet hat, und weil die Ulla Klempp sich immer gerne mit den Leuten unterhält und dadurch auch immer ganz genau über alles Bescheid weiß, hat sich auch der Wittrich immer mal gerne mit ihr getroffen, um die neuesten Neuigkeiten über das Wer-mit-wem in Kronach zu erfahren. Neuerdings hat er sich mit ihr am liebsten im Seniorenhaus in der Friesener Straße getroffen, obwohl sie ja gar nicht dort gewohnt hat, sondern immer noch in ihrer eigenen Wohnung in Weißenbrunn, also etwa zehn Minuten mit dem Auto von Kronach entfernt, und einmal hat sie den Wittrich sogar gefragt, ob er nicht vielleicht bei ihr mit einziehen möchte, weil – als die Ulla Klempp nämlich irgendwann herausgefunden hat, dass ihr Mann sie schon seit Jahren mit einer anderen bescheißt, da hat sie ja nicht nur gleich die Scheidung eingereicht, sondern ihren Mann auch sofort vor die Tür gesetzt, auch wenn die beiden nur noch zwei oder drei Jahre bis zur Goldenen Hochzeit gehabt hätten, und jetzt hatte sie in ihrer Wohnung natürlich so viel Platz, dass sie sich wahrscheinlich schon sehr gefreut hätte, wenn der Wittrich bei ihr eingezogen wäre, denn der Wittrich, das muss man jetzt vielleicht auch einmal sagen, der ist für sein Alter ja immer noch ein ziemlich attraktiver Mann gewesen, auch wenn er zu der Zeit schon nicht mehr ganz so viele Haare auf dem Kopf gehabt hat und auch, wenn die Zähne in seinem Mund schon lange nicht mehr alle seine eigenen gewesen sind. Alles in allem aber ist der Wittrich eben doch schon immer so ein Gentleman-Typ gewesen, der mit seiner ganzen Art auf die Frauen einen gewissen Eindruck gemacht hat, und wenn man mich fragt, ob er auch auf die Ulla Klempp einen gewissen Eindruck gemacht hat, dann würde ich sagen, dass die Ulla Klempp den Wittrich bestimmt nicht von der Türschwelle geschubst hätte, wenn der einmal bei ihr angeklingelt hätte. Aber das hat er dann ja doch nie getan, obwohl die Ulla Klempp immerhin ein paar Jährchen jünger gewesen ist als er und wirklich noch ganz gut in Schuss, aber das muss man über den Wittrich eben auch sagen, dass er sich ja gar nicht mehr auf eine andere Frau hat einlassen wollen, seit seine Rosalie gestorben war, jedenfalls nicht mehr wirklich mit dem Herzen, und mit etwas anderem hat er sich ja auch sowieso nicht mehr wirklich einlassen können.

Trotzdem hat sich der Wittrich gerne ab und zu einmal mit der Ulla Klempp getroffen, und neuerdings eben im Seniorenhaus in der Friesener Straße, weil es dort nämlich seit einiger Zeit ein Café mit einem ganz leckeren Kuchenangebot gibt, und weil man da bei schönem Wetter auch ganz wunderbar draußen sitzen kann, in einem großen Garten, der fast schon ein kleiner Park ist, mit Bäumen und Sträuchern und einem Teich mit Springbrunnen und Goldfischen. Außerdem ist der Wittrich auch ganz gerne in das Café im Seniorenhaus gegangen, weil er den Weg dorthin so gemocht hat, denn da ist er dann nämlich immer vom Bürgerspital aus durch die Johann-Nikolaus-Zitter-Straße gegangen, an der Synagoge vorbei und rechts um die Ecke und dann wieder links um die Kurve, immer dem Zickzack der Straße entlang, dann an der evangelischen Kirche links hoch in die Strau und gleich wieder rechts in die Rosenbergstraße, die dann direkt in den kleinen Gartenpark vom Seniorenhaus geführt hat, und obwohl das nicht gerade der bequemste und kürzeste Weg gewesen ist, weil – da hätte er ja auch schon vorher oben durch den Stadtgraben oder unten durch die Friesener Straße gehen können, hat der Wittrich ganz gerne einmal diesen kleinen Umweg gemacht, weil er so nämlich in der Strauer Straße an dem Unterwäsche-Laden vorbeigekommen ist, wo immer diese schöne junge Frau in der roten Unterwäsche so verführerisch auf ihn herunter geguckt und ihn angelächelt hat, die auf dem großen Werbeschild drauf gewesen ist, das sie außen an der Häuserecke angebracht hatten, und da hat sich der Wittrich dann immer regelrecht zwingen müssen weiter zu gehen und nicht stehen zu bleiben und zurückzulächeln, weil er die schöne junge Frau in der roten Unterwäsche nämlich einfach so gerne angeguckt hat und weil sie ihn mit ihren langen braunen Haaren irgendwie auch ein bisschen an seine Rosalie erinnert hat, wie sie ihm damals vor über vierzig Jahren beim Baden am Wannsee zum ersten Mal über den Weg gelaufen ist und ihn angelächelt hat und dabei nur mit einem roten Bikini bekleidet gewesen ist.

Und obwohl es durch die Strau und durch die Rosenbergstraße ja erst einmal ein bisschen bergauf geht, hat der Wittrich diesen Weg auch deshalb ganz gerne genommen, weil man da ja an diesen alten Stadtvillen vorbeikommt und weil er dann immer davon träumen konnte, wie es wäre, wenn er selbst in so einer Villa leben würde und im Sommer morgens auf der Terrasse frühstücken und dabei auf die halbe Stadt hinunterschauen könnte. Aber in seiner alten Wohnung in der Oberen Stadt hat er ja nicht einmal einen Balkon gehabt, sondern nur so einen kleinen Lichthof, den man aber eigentlich eher einen kleinen Schattenhof nennen müsste, weil der nämlich so klein ist, dass die Sonne schon immer genau senkrecht darüber stehen muss, damit überhaupt einmal ein paar Strahlen Sonne hineinfallen können. Sowieso ist ja die alte Wohnung vom Wittrich ziemlich seltsam geschnitten gewesen, weil sie sich nämlich über zwei Häuser erstreckt, die irgendwann einmal aneinander gebaut worden sind, aber das ist ja in der Oberen Stadt eigentlich nichts besonderes, weil fast alle Häuser hier sehr alt sind und manche sogar noch aus dem Mittelalter stammen, jedenfalls teilweise, wie zum Beispiel die tiefen Keller, die oft sogar mehrere Stockwerke haben und weit unter die Erde reichen und schon vor vielen hundert Jahren in den Felsen geschlagen worden sind. Viele sagen ja sogar, dass einige von diesen Kellern früher durch unterirdische Gänge miteinander verbunden gewesen wären, so wie man auch heute noch oben auf dem Rosenberg unter der Festung sehr weit verzweigte unterirdische Gänge finden kann, und manche sagen ja sogar, dass man zumindest früher durch diese unterirdischen Gänge von der Festung bis hinunter in die Keller in der Oberen Stadt gelangen konnte.

Jedenfalls ist der Wittrich dann wieder einmal durch die Rosenbergstraße in das Café im Seniorenhaus gegangen, denn wenn man von der Rosenbergstraße kommt, die am Ende ja eigentlich gar keine Straße mehr ist, sondern nur noch ein schmaler Fußweg, da kommt man dann gleich hinten durch den Garten vom Seniorenhaus in das Café und muss nicht vorne herum durch die Friesener Straße gehen, und als der Wittrich schließlich angekommen ist, da war die Ulla Klempp dann auch schon dagesessen und hat ein bisschen gewartet gehabt, und der Wittrich hat wieder einmal gemerkt, dass er inzwischen noch langsamer geworden ist, denn eigentlich war er ja rechtzeitig am Bürgerspital losgegangen. Aber die Ulla Klempp hat ihm das gar nicht übel genommen, dass sie warten musste, und als sich der Wittrich dann ein Stück Maulwurftorte und einen Milchkaffee bestellt hatte, da hat sie auch gleich angefangen zu erzählen, von ihrer Freundin Hilde und ihrem Hund Chi-Gong und von ihrem VW Lupo und ihrem Badminton-Verein und von den Sonderangeboten im Aldi und ihrem Ex-Mann Hartmut, und als sie dann irgendwann einmal kurz nach Luft geschnappt hat und ein Stückchen von ihrem Erdbeerkuchen essen wollte, hat sie den Wittrich vorher noch schnell gefragt, ob er nicht am Samstag mit ihr in das Gedenkkonzert für die Silvia Zürner in der Stadtpfarrkirche kommen möchte, und als der Wittrich sich nicht gleich daran erinnert hat, wer die Silvia Zürner gewesen ist, da hat die Ulla Klempp dann vor dem ersten Stückchen Erdbeerkuchen schnell noch einmal die ganze schreckliche Geschichte von der Silvia Zürner erzählt, an die der Wittrich sich dann doch wieder erinnert hat, weil er sie ja im Januar schon einmal von der Ulla Klempp gehört hatte, als man die Silvia Zürner nämlich in der Regensburger Herz-Jesu-Kirche neben der Orgel gefunden hat, wo sie sich durch gelegentliche Orgeldienste ein paar Mark für ihr Studium dazuverdient hatte, und wo sie jetzt neben der Orgel an einem Seil gebaumelt hat, und immer noch vor dem ersten Stückchen Erdbeerkuchen hat die Ulla Klempp dann auch noch einmal erzählt, dass die Silvia ja erst 24 Jahre alt gewesen und hier in Kronach aufgewachsen ist, und dass sie nach dem Abitur am Frankenwald-Gymnasium zuerst zwei Jahre lang die Musikfachschule besucht hat, bevor sie dann zum Studium nach Regensburg an die Kirchenmusikhochschule gegangen ist, und dass die Silvia jetzt im Sommer ihre B-Prüfung gemacht hätte und fertig gewesen wäre, und dass ihr Vater nur drei Wochen, nachdem man sie an dem Seil neben der Orgel gefunden hat, mit dem Auto gegen einen Pfeiler der Brücke bei Johannisthal gefahren und sofort tot gewesen ist, und dass man munkelt, er wäre wahrscheinlich betrunken gewesen und sei vielleicht sogar absichtlich gegen den Brückenpfeiler gefahren, und dass dann die Mutter von der Silvia einen Nervenzusammenbruch gehabt hat und in die Psychiatrie nach Kutzenberg eingeliefert werden musste, und dass deshalb der Bruder von der Silvia sein Energietechnik-Studium in Bremen abgebrochen hat und nach Kronach zurückgekehrt ist, um sich um die Mutter zu kümmern und das Elektrogeschäft von seinem Vater zu übernehmen, und dass die Silvia doch so ein liebes Mädchen gewesen ist und sich immer so gut mit allen verstanden hat, und dass niemand sich erklären kann, warum sie sich bloß mit einem Seil neben der Orgel aufgehängt hat.

Und als die Ulla Klempp dann endlich das erste Stückchen Erdbeerkuchen in den Mund geschoben hat, da hat der Wittrich geseufzt und gesagt, dass er sich ja auch noch gut daran erinnern kann, wie die Silvia damals einmal bei einem Kirchenkonzert der Musikfachschule so schön ein Präludium von Buxtehude auf der Orgel gespielt hat und wie sie auch immer ganz tapfer im Krummhorn-Ensemble mitgemacht hat, selbst wenn die Zuschauer manchmal schon ein bisschen kichern mussten, wenn sie den quäkenden Klang von diesen alten Instrumenten zum ersten Mal gehört haben, der ja auch den Wittrich immer ein bisschen an eine Entenfamilie erinnert hat, aber dass er sich auch noch daran erinnern kann, wie die Ulla Klempp einmal davon erzählt hat, dass es da einmal einen kleinen Wirbel um die Silvia Zürner gegeben hat und ob sie noch weiß, was damals passiert ist. Und da hat die Ulla Klempp natürlich noch ganz genau gewusst, wieso es da einmal einen kleinen Wirbel um die Silvia gegeben hat, und als sie den ersten Bissen Erdbeerkuchen schließlich doch noch heruntergeschluckt hatte, hat sie dann erzählt, wie die Silvia einmal ganz komisch ausgerastet ist, als ihr Orgellehrer an der Musikfachschule, der Herr Terzl, ein ganz feiner Kerl, der jetzt auch schon in Rente gegangen ist, als der ihr im Unterricht nur einmal an die Schultern gefasst hat, um ihre Haltung zu korrigieren, weil – die Silvia ist ja eigentlich immer mit so eingefallenen Schultern herumgelaufen, dass man sich gefragt hat, wovor die sich eigentlich so wegduckt, und da hat sie der Herr Terzl eben einmal aufrichten wollen, weil er ihr das schon hundert Mal gesagt hatte, ohne dass seine Worte etwas genutzt hätten, aber als er sie dann angefasst hat, da muss die Silvia ganz fürchterlich zusammengezuckt sein und ist heulend aus dem Zimmer gerannt und war für den Rest des Tages verschwunden und ist auch am nächsten Tag noch nicht wieder aufgetaucht, und niemand hat gewusst, wo sie hingelaufen ist und wo sie sich aufhält, die Eltern nicht und die Mitschüler auch nicht, und auch die Polizei hat sie nicht finden können, und auch der Herr Terzl hat überhaupt nicht gewusst, wieso die Silvia so heftig reagiert hat, weil er ja wirklich nur einmal ganz harmlos ihre Schultern aufrichten wollte und weil er ihr das ja auch schon hundert Mal gesagt hatte, ohne dass seine Worte etwas genutzt hätten. Und als die Silvia dann am dritten Tag endlich wieder aufgetaucht ist, da ist sie plötzlich wieder bester Laune gewesen und hat sich sogar bei dem Herrn Terzl dafür entschuldigt, dass sie so einen Wirbel verursacht hat, und dann hat sie allen gesagt, dass er wirklich gar nichts dafür gekonnt hat und dass es überhaupt nichts mit ihm zu tun gehabt hätte, und damit ist die Sache dann eigentlich auch schon wieder vom Tisch gewesen.

Als die Ulla Klempp das zu Ende erzählt hatte und wieder ein Stückchen von ihrem Erdbeerkuchen in den Mund geschoben hat, da hat der Wittrich nur nachdenklich auf seinen leeren Teller geguckt, denn er hatte ja sein Stück Maulwurftorte längst aufgegessen und hat jetzt überlegt, ob er sich noch ein zweites Stück bestellen soll, weil ihm die Maulwurftorte im Café im Seniorenhaus nämlich immer wahnsinnig gut geschmeckt hat, aber dann hat er sich gesagt, dass man es ja auch nicht übertreiben soll, und deshalb hat er dann doch kein zweites Stück Maulwurftorte mehr bestellt, sondern stattdessen die Ulla Klempp gefragt, ob sie vielleicht zufällig die Stephanie Fehn oder den Dr. Schwenglein kennt, und die Ulla Klempp hat gelacht und gesagt, dass sie freilich den Dr. Schwenglein kennt, denn der hätte ja schließlich vor ein paar Wochen den Hund von der Stephanie Fehn erschossen und wäre ja übrigens auch ein Nachbar von den Zürners am Kreuzberg und außerdem der Werksleiter vom AVELO-Werk in Neuses, das sie Ende des Jahres schließen wollen, und da ist dem Wittrich dann wieder einmal klar geworden, dass er der Ulla Klempp wohl niemals etwas erzählen könnte, was sie nicht schon längst weiß. Aber dass der neue Hund von der Stephanie Fehn am Sonntag nach der Schwedenprozession fast Hackfleisch aus dem Dr. Schwenglein gemacht hätte, das hatte die Ulla Klempp dann doch noch nicht gehört, und so hat es ihr der Wittrich dann erzählt, während sie endlich in Ruhe ihr Stück Erdbeerkuchen aufessen konnte. Und als sie aufgegessen hatte, hat sie dann plötzlich ganz erschrocken auf die Uhr geguckt und gesagt, dass sie jetzt aber schnell los muss, weil ihre Freundin Hilde auf sie warten würde, und so haben sie sich dann noch für das Konzert am Samstag verabredet und sich voneinander verabschiedet, und nachdem die Ulla Klempp weggegangen war, ist der Wittrich noch ein Weilchen sitzen geblieben und hat das schöne Wetter genossen, und dann ist er wieder hinten zur Rosenbergstraße hinaus gegangen und hat sich im Vorbeigehen wie immer die Tafeln mit den optischen Täuschungen angesehen, die der Lions-Club dort am Weg entlang aufgestellt hat, und da hat sich der Wittrich wieder einmal darüber gewundert, dass man oft manche Dinge einfach nicht sieht, auch wenn man sie die ganze Zeit direkt vor den Augen hat.

 

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zuletzt aktualisiert am 14.08.14
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