Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Sonntag, 21. Juni
   Morgens im Büchertreff

Am nächsten Morgen ist der Wittrich dann, wie eigentlich jeden Sonntagvormittag, in den Büchertreff gegangen, den sie vor etwa zwei Jahren oben im renovierten Pfarrzentrum neben der Stadtpfarrkirche eingerichtet haben. Früher hat es da ja nur eine eigene Pfarrbücherei gegeben und unten bei der Volkshochschule noch einmal eine eigene Stadtbücherei, aber nachdem ja die Stadt an der Landesgartenschau eh schon so zu knapsen hatte und sich eigentlich auch keine eigene Bücherei mehr hat leisten können und nachdem die Kronacher ja außerdem noch eine Kreisbibliothek oben beim Schulzentrum haben und die Leute sowieso nicht mehr so viel lesen, seit es Fernsehen gibt und Internet und Computerspiele, da hat man die Stadtbücherei mit der Pfarrbücherei zusammengelegt und daraus den Büchertreff gemacht, der auch wirklich sehr schön geworden ist und viel einladender als vorher die Stadtbücherei oder die Pfarrbücherei gewesen sind. Und deshalb ist der Wittrich da immer ganz gerne hingewackelt, auch wenn es im Büchertreff natürlich nicht so viele Bücher gibt wie in der Kreisbibliothek, aber dafür gibt es da sehr freundliche Mitarbeiterinnen, und wenn man möchte, gibt es sogar noch eine Tasse Kaffee umsonst, und deshalb hat sich der Wittrich da eigentlich fast jeden Sonntagvormittag hingesetzt und ein bisschen in den Büchern mit der extra großen Schrift geschmökert oder sich Bildbände über fremde Länder und Kontinente angeschaut, aber am liebsten hat er eigentlich in den Zeitschriften geblättert, die sie dort ausliegen haben und eine ganze Weile aufheben, sodass man genug Zeit hat, auch noch die älteren Ausgaben nach interessanten Artikeln zu durchforsten, denn das hat den Wittrich ja schon immer geärgert, dass man am Kiosk immer gleich schief angeguckt wird, wenn man zu lange in den Zeitschriften blättert, ohne eine zu kaufen, und dass man dann gleich eine ganze Zeitschrift kaufen muss, auch wenn man oft nur einen einzigen Artikel daraus lesen will, weil einen der ganze Rest vielleicht gar nicht interessiert, und deshalb hat es der Wittrich auch so genossen, wenn er im Büchertreff ganz ohne schlechtes Gewissen stundenlang in den Zeitschriften blättern konnte und dabei auch noch eine Tasse Kaffee umsonst bekommen hat. Eine seiner Lieblingszeitschriften ist ja die „P.M.“ gewesen, weil er da immer etwas über die verschiedensten Erkenntnisse aus der Wissenschaft erfahren hat, und natürlich hat der Wittrich immer einen Zettel und einen Stift bei sich gehabt, damit er sich besonders interessante Informationen aufschreiben und zu Hause in seinen Ordnern mit der Aufschrift „Wissenswert“ abheften konnte, und da hatte er dann im Laufe der Zeit so interessante Informationen abgeheftet wie zum Beispiel, dass man an einer Kuhherde die Windrichtung erkennen kann, weil die Kühe bei warmem Wetter in Windrichtung schauen, um ihre Köpfe zu kühlen, und bei kaltem Wetter in die windstille Richtung, damit es nicht so zieht, oder dass der heilige Julian der Schutzpatron der Latrinenreiniger und Klofrauen ist, oder dass sich immer wieder Besucher der Stadt Jerusalem nach ihrer Ankunft plötzlich für eine biblische Figur halten und sich dann Bettlaken um den Leib binden und tagelang barfuß herumlaufen, oder dass der deutsche Bundespräsident ein Jahresgehalt von 199.000 Euro bekommt, oder dass Männer besser schlafen können, wenn eine Frau neben ihnen liegt, oder dass Sportler in roten Trikots statistisch betrachtet erfolgreicher sind als Sportler in andersfarbigen Trikots. An diesem Sonntagvormittag ist ihm dann ein Sonderheft der „P. M. Perspektive“ zum Thema „Mystery“ in die Hände gefallen, und da hat er sich ziemlich drin festgelesen, weil da nämlich gleich mehrere Artikel drin gewesen sind, die ihn ganz besonders interessiert haben, wie zum Beispiel der Artikel über Hellseher und Telepathen, die der Polizei bei ihrer Arbeit helfen, indem sie mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten Vermisste und Entführte aufspüren, oder der Artikel über einen unheimlichen Regen, bei dem plötzlich Muscheln, Schlangen oder Fische vom Himmel fallen können, oder dann der Artikel über sogenannte „Rattenkönige“, wo man einen Haufen von Ratten gefunden hat, die an ihren Schwänzen aneinandergeknotet gewesen sind, oder dann schließlich der Artikel über mysteriöse Todesfälle, bei denen die Polizei einfach nicht herausbekommen hat, ob da jemand wegen einer natürlichen Todesursache gestorben oder ob er ermordet worden ist, und da hat der Wittrich dann schon gestaunt, dass in Deutschland zwar jährlich etwa eintausend bis eintausendzweihundert Morde entdeckt werden, aber dass die Experten meinen, dass auf jeden von diesen entdeckten Morden mindestens noch einmal einer kommt, der nie entdeckt wird. Schwierig für die Rechtsmediziner wird es zum Beispiel, wenn man jemandem eine Tüte über den Kopf zieht und der dann wegen dem Sauerstoffmangel erstickt, weil es dafür nämlich manchmal überhaupt keine Anzeichen gibt, außer vielleicht ein oder zwei winzige Blutungen an den Augenlidern oder den Bindehäuten, oder schwierig ist auch zum Beispiel ein Giftmord, weil man bestimmte Gifte nur ganz schwer nachweisen kann oder weil der Gerichtsmediziner vielleicht gar nicht daran denkt, dass sie mit im Spiel sein könnten, und allgemein schwierig sind ja auch Morde, die als Selbstmord getarnt werden, wie zum Beispiel viele Badewannenmorde, wobei man aber auch dazu sagen muss, dass man jemanden besser in einer Hamburger Badewanne ermorden sollte als in einer Münchner Badewanne, weil nämlich in Hamburg nur dreiundvierzig Prozent aller Badewannen-Leichen obduziert werden, während es in München immerhin schon zweiundneunzig Prozent sind, aber noch besser bringt man jemanden immer noch auf dem flachen Land um als in einer größeren Stadt, weil nämlich die Leichen auf dem Land grundsätzlich viel seltener obduziert werden als in einer Stadt, wo die nächste Rechtsmedizin gleich um die Ecke ist und man nicht so lange fahren muss, bis man die Leiche unters Messer kriegt.

Ein bisschen beunruhigt ist der Wittrich dann allerdings gewesen, als er gelesen hat, dass man besonders gefährlich lebt, wenn man schon über Achtzig ist, weil nämlich die Ärzte dann gar nicht mehr so genau hinschauen und lieber an einen Tod durch Altersschwäche glauben, als noch einmal großartig zum Messer zu greifen, und deshalb kommt es ja auch so oft zu Tötungen in Pflegeheimen, wie zum Beispiel bei so einer Mordserie im Allgäu, wo man zweiundvierzig Leichen ausgegraben hat und bei neunundzwanzig davon tödliche Stoffe im Körper gefunden hat, weil da nämlich ein Pfleger seine Patienten reihenweise in den Orkus befördert hat.

Als der Wittrich schließlich mit der P.M. fertig gewesen ist, hat er sich dann erst einmal eine Tasse Kaffee gemacht und durchgeschnauft, bevor er noch ein paar alte Ausgaben vom SPIEGEL aus dem Sammelfach herausgekramt und sich damit auf das Sofa ganz hinten am Fenster gesetzt hat, und dann hat er angefangen, darin zu blättern, und es ist ja so eine Angewohnheit vom Wittrich gewesen, dass er den SPIEGEL immer rückwärts gelesen, also von hinten nach vorne durchgeblättert hat, weil am liebsten hat er nämlich den „Hohlspiegel“ auf der letzten Seite gelesen, in dem ja immer ganz lustige Formulierungsschnitzer aus anderen Zeitungen gesammelt werden, und deshalb ist der Wittrich dann auch ziemlich schnell in der März-Ausgabe auf eine Meldung gestoßen, die auf Seite hundertzweiundsechzig unten gestanden ist, denn da hat der Wittrich seine Augen zusammengekniffen und gelesen, dass man den Österreicher Josef Fritzl nach vier Tagen Gerichtsverhandlung des Mordes durch Unterlassen, des Sklavenhandels, der Vergewaltigung, der Freiheitsentziehung, der schweren Nötigung und der Blutschande für schuldig befunden hat, und dass man ihn zu lebenslanger Haft verurteilt und ihn in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen hat, und da hat der Wittrich sich natürlich daran erinnert, wie ungefähr ein gutes Jahr vorher herausgekommen ist, dass der Josef Fritzl seine eigene Tochter vierundzwanzig Jahre lang in den Keller eingesperrt und sie während dieser Zeit tausendfach vergewaltigt und dabei sieben Kinder gezeugt hat, und dass dabei einige von diesen Kindern gestorben sind und andere verkauft wurden, und dass die Ehefrau vom Fritzl, also die Mutter der gefangenen und misshandelten Tochter davon überhaupt nichts mitbekommen haben will, und dann hat sich der Wittrich auch wieder daran erinnert, wie nur ein paar Jahre vorher ein ganz ähnlicher Fall durch die Presse gegangen ist, nämlich der mit der Natascha Kampusch, die auch als Kind plötzlich verschwunden war und dann viele Jahre lang unbemerkt eingesperrt worden ist, und da ist der Wittrich dann plötzlich sehr nachdenklich geworden und hat sich gefragt, wie so etwas bloß möglich ist, dass ein Mensch einem anderen so etwas antut und dabei trotzdem noch nebenbei ein scheinbar ganz normales Leben führen kann, und wie so etwas nur möglich ist, dass man jemanden jahrzehntelang in einen Keller einsperren kann und niemand etwas davon mitbekommt, noch nicht einmal die eigene Frau und Mutter des Opfers, und was nur in den Köpfen solcher Menschen vor sich gehen muss, die ihre eigenen Kinder so missbrauchen und misshandeln oder auch nur mit ansehen können, wie so etwas ihrem eigenen Fleisch und Blut angetan wird.
Aber als der Büchertreff dann um Zwölf schließen wollte, ist der Wittrich aus seinen Gedanken aufgeschreckt und hat sich auf den Heimweg ins Bürgerspital gemacht, und dabei ist er natürlich wieder am Johann Kaspar Zeuß auf seinem spitzen Stein vorbeigekommen und hat ihm wie immer über den platten Fuß gestreichelt, und nach dem Mittagessen im Bürgerspital hat er sich erst einmal hingelegt und ein Mittagsschläfchen gehalten, weil er in der Nacht davor ja wieder einmal kaum geschlafen hatte und eine Stunde lang in der Stadt herumgestreunt war.

 

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zuletzt aktualisiert am 18.08.14
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