Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Dienstag, 23. Juni
   Abends bei der Spurensuche

Am Dienstagmorgen ist der Wittrich dann schon vor dem Frühstück in den Gemeinschaftsraum vom Bürgerspital gegangen, um in der Zeitung nachzusehen, ob vielleicht schon etwas Neues über den verschwundenen Dr. Schwenglein drinsteht, aber auch nachdem er die ganze Zeitung zweimal aufmerksam durchgeblättert hatte, hat er nichts darüber finden können, und deshalb hat er dann beim Frühstück die Mandy Förtsch gefragt, wann sie heute Feierabend hat, und als die Mandy gesagt hat, dass sie heute bis zum Kaffeetrinken arbeiten muss, da hat der Wittrich geheimnisvoll die Augenbrauen hochgezogen und sie gefragt, ob sie danach schon etwas vor hat oder ob sie vielleicht Zeit und Lust hätte, mit ihm einen kleinen Ausflug zu machen und dabei ein bisschen Sherlock Holmes zu spielen. Und weil die Mandy heute wirklich noch nichts anderes vorgehabt hat und weil sie jetzt natürlich auch neugierig gewesen ist, warum der Wittrich so geheimnisvoll die Augenbrauen hochzieht, deshalb haben die beiden dann verabredet, dass sie nach dem Kaffeetrinken einen kleinen Ausflug machen und dabei ein bisschen Sherlock Holmes spielen.

Den Vormittag hat der Wittrich dann damit verbracht, die Informationen aufzuschreiben und in seinem Ordner abzuheften, die er gestern vom Eddi Pawlitschek über die Schließung des AVELO-Werks erhalten hatte und über die Rolle, die der Dr. Schwenglein dabei gespielt hat, und danach hat er im Gemeinschaftsraum noch ein bisschen Mensch-ärger-dich-nicht mit der alten Frau Meusel gespielt und noch ein bisschen dem alten Herrn Fiedler zugehört, wie der wieder einmal von seiner Zeit als Grenzschutzbeamter an der Thüringischen Grenze erzählt hat. Nach dem Mittagessen hat der Wittrich sich dann hingelegt, denn natürlich hat ihn wieder, wie immer nach dem Essen, sein Bauch gezwickt, und das Bauchzwicken hat der Wittrich ja am liebsten verschlafen, so lange er denn dabei schlafen konnte, denn irgendwann hat ihn sein zwickender Bauch ja auch wieder aufgeweckt und aus dem Bett geworfen, aber das ist dann eigentlich immer genau zur richtigen Zeit für den Nachmittagskaffee gewesen.

Nach dem Kaffeetrinken ist der Wittrich dann mit der Mandy wie verabredet in ihren alten Golf gestiegen, und als sie gefragt hat, wo es denn jetzt hingehen soll, da hat der Wittrich erst einmal nur gesagt:

– „Nach Ruppen!“ und das hat bei ihm in diesem Moment fast ein bisschen so geklungen, als würde er auf dem Deck eines großen Segelschiffes stehen, während der Wind ihm seine Haare zerzaust, und er würde mit seinem Säbel in der Luft herumfuchteln und rufen „Nach Amerika!“, aber dabei hat er natürlich nur seinen Stock zwischen den Beinen festgehalten, und die Fahrt hat auch nicht so besonders lange gedauert, weil – nach Ruppen braucht man ja höchstens zehn Minuten von der Hussitengasse aus, wo die Mandy ihren alten Golf geparkt hatte, und eigentlich würde es ja auch noch viel schneller gehen, wenn man nicht wegen der ganzen Einbahnstraßen von der Hussitengasse aus erst noch einmal links durch die Spitalstraße und über den Marienplatz, dann rechts durch die Schwedenstraße und wieder links durch die Bienenstraße am Landratsamt vorbei in die völlig entgegengesetzte Richtung fahren müsste, bevor man schließlich durch die Güterstraße zurück, am Bahnhof vorbei und durch die Hirtengasse, über die Europabrücke und die Pfählangerstraße entlang fahren kann, bis man schließlich bei der Volkshochschule rauskommt, also praktisch bloß auf der anderen Seite vom Bürgerspital, um dann endlich rechts in die Rodacher Straße einbiegen und Richtung Ruppen fahren zu können.

Etwa zehn Minuten später hat die Mandy dann ihren alten Golf auf dem Parkplatz vorm Ruppenwirtshaus geparkt und den Wittrich fragend angeguckt. Der hat aber nur gesagt:

– „Na, dann wollen wir mal!“, und dann hat er versucht auszusteigen, aber so ganz ohne die Hilfe von der Mandy, die schnell um das Auto herumgesprungen ist und den Wittrich aus seinem Sitz hochgezogen hat, ist er dann doch nicht aus dem Golf herausgekommen. Als die beiden dann schließlich auf dem Parkplatz gestanden sind und die Mandy immer noch nicht so richtig gewusst hat, wieso sie jetzt eigentlich ausgerechnet nach Ruppen gefahren sind, da hat der Wittrich ihr dann endlich erklärt, dass sie jetzt den Weg suchen, den der Dr. Schwenglein am letzten Freitag vermutlich gegangen ist, als er auf dem Heimweg vom Ruppenwirtshaus spurlos verschwunden ist. Da hat die Mandy den Wittrich gefragt, ob er denn überhaupt weiß, wo der Dr. Schwenglein wohnt, aber der Wittrich hat gesagt, dass er auch nur weiß, dass das irgendwo am Kreuzberg sein muss und dass es sich bestimmt um ein größeres Haus handeln wird und sicher nicht um eine kleine Wohnung.

– „No, donn laaf mä om bessdn öschdamoll nindä zenn Rubbnweech und nochäd nauf zenn Keelgroum, dejd iich soung“, hat da die Mandy gesagt und ist losgegangen, und der Wittrich ist hinterhergewackelt, und nach einem kurzen Stück an der Bundesstraße entlang sind sie dann nach rechts in den Ruppenweg eingebogen, und von da an ist es jetzt erst einmal nur noch bergauf gegangen, sodass der Wittrich zwischendurch schon ein paar Mal stehen bleiben musste, um zu verschnaufen, und besonders lange hat er dann verschnauft, als sie an dem großen Gartengrundstück vorbeigekommen sind, das fast wie ein kleiner Park aussieht, mit geschichteten Steinmäuerchen, die den Hang in Terrassenstufen unterteilen, und mit angelegten Wegen, die das ganze Grundstück durchziehen.

– „Ist das nicht bezaubernd?“ hat der Wittrich da gesagt, und die Mandy hat gemeint:

– „Ajou, oubä scho a weng wi a Friidhuof, oddä niä?“ und da hat der Wittrich nur gelächelt und leise vor sich hingemurmelt:

– „Aber deshalb ja, deshalb ...“, und dann sind die beiden wei-tergegangen.

Schließlich sind sie dann weiter oben an die Stelle gekommen, wo rechts ein ungeteerter Feldweg abzweigt und quer über die Wiese zu den Häusern am Kehlgraben führt, und der Wittrich hat überlegt, ob das vielleicht der Weg sein könnte, den der Dr. Schwenglein am letzten Freitag genommen hat, als er vom Wirtshaus nach Hause gegangen ist. Aber eine Antwort darauf hätte er natürlich nur bekommen können, wenn er auch einmal jemanden danach gefragt hätte, nur – das war eben auch wieder so typisch für den Wittrich, dass er nämlich immer ein bisschen schüchtern gewesen ist und sich nicht getraut hat, wildfremde Menschen auf irgend etwas anzusprechen. Lieber hat er selber stundenlang nach Schildern gesucht oder Karten gelesen, bevor er einen Fremden nach dem Weg gefragt hat, und lieber ist er im Hintergrund geblieben und hat still beobachtet und sich so seine Gedanken gemacht, als dass er sich irgendwo aufgedrängt und mitgemischt hätte, und vielleicht hat das ja auch wieder an diesem kleinen Sprachfehler gelegen, den der Wittrich gehabt hat, und dass es ihm immer sehr peinlich war, wenn er plötzlich mitten im Satz an irgend einem Konsonanten hängen geblieben ist und wenn seine Gesprächspartner dann manchmal ein Weilchen warten mussten und komisch geguckt haben, bis er endlich weitersprechen konnte. Und das war vielleicht auch der Grund dafür, dass er grundsätzlich lieber den anderen zugehört hat als selber zu reden, und dass er in der Unterhaltung mit anderen häufig nur immermal wieder kurze Fragen gestellt hat, sodass die anderen munter weiter erzählen konnten und er selber gar nicht so viel reden musste, und so hat der Wittrich ja auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die allermeisten Menschen sowieso viel lieber reden als dass sie zuhören, und dass sich die Menschen sowieso viel mehr für sich selber interessieren als für andere.

Als der Wittrich dann aber mit der Mandy an der Stelle gestanden ist, wo der ungeteerte Feldweg rechts vom Ruppenweg abzweigt, da hat er sich doch wieder einmal gewünscht, dass er ein bisschen mutiger wäre und zum Beispiel im Ruppenwirtshaus einfach einmal nach dem Dr. Schwenglein gefragt hätte, denn vielleicht hätten die ja sogar gewusst, welchen Weg der immer nach Hause gegangen ist. So aber hat er sich jetzt entscheiden müssen, ob sie weiter den geteerten Ruppenweg entlang gehen oder den ungeteerten Feldweg nehmen, und nur weil er den Feldweg irgendwie interessanter gefunden hat, und weil er sich gedacht hat, dass so ein Hobbyjäger wie der Dr. Schwenglein bestimmt auch lieber einen Weg durchs Grüne nimmt als eine geteerte Straße, ist der Wittrich dann mit der Mandy tatsächlich auch diesen Feldweg entlang gegangen, und während die beiden dann so über den Schotter und die Grasbüschel gestapft sind, hat der Wittrich immer wieder ganz angestrengt auf den Boden geschaut und ab und zu auch einmal mit seinem Stock ein bisschen zwischen den Steinen herumgestochert, bis die Mandy schließlich gefragt hat, was er da eigentlich sucht, und da hat der Wittrich geantwortet:

– „Na, wenn der Schwenglein am Freitag wirklich hier entlang gelaufen ist und wenn er dabei vielleicht ja doch überfallen und entführt worden ist, dann könnte es ja vielleicht auch sein, dass ihm oder dem Entführer in dem Gerangel irgend etwas aus der Tasche gefallen ist oder dass irgend etwas von der Kleidung abgerissen wurde und jetzt hier noch herumliegt ...“, aber die Mandy hat skeptisch geguckt und gesagt:

– „Dess hädd doch oubä scho di Bollizei kfunna, maana Si niä?“ und der Wittrich hat nur ein bisschen die Mundwinkel verzogen und ein ratloses „hmm“ gemacht, und dann hat er weiter mit dem Stock auf dem Boden herumgestochert.

Nach etwa zweihundert Metern, also da, wo der Weg eine Rechtskurve macht und von den Häusern weg und weiter hoch zum Waldrand führt, da hat der Wittrich dann gesehen, dass da links hinunter ins Gebüsch so eine Art Trampelpfad führt, und da hat er die Mandy bedeutungsvoll angeguckt und gesagt:

– „Na, das sieht doch jetzt aber schon ganz interessant aus ...“ und die Mandy ist gleich einmal vorausgesprungen und hat dann von unten aus dem Gebüsch gerufen:

– „Dess sicht fei su aus, wie wenn doua öffdäs amoll aans durchlöfft“, und dann wollte der Wittrich natürlich auch hinein in die Sträucher, und mit der Hilfe von der Mandy ist er dann auch die kleine Böschung hinuntergeklettert. Unten haben sie dann etwas die Köpfe einziehen müssen, weil da ein ziemlich dichtes Gebüsch gewachsen ist, und der Wittrich ist sich ein bisschen vorgekommen wie Indiana Jones, nur ohne Buschmesser und Riesenspinnen.

– „Ist das nicht ein geradezu idealer Ort, um jemandem
aufzulauern?, hat er dann gesagt, und die Mandy hat ihm zugestimmt:

– „Fei äälich woa!“

Nach ein paar Schritten ist der Trampelpfad dann zuerst nach links und dann gleich wieder nach rechts abgebogen, und dann hat er aber eigentlich auch schon wieder aus der Wildnis heraus und in die Zivilisation hinein geführt, denn er ist dann an einigen Grundstücken entlang verlaufen, in denen Leute auf Liegestühlen gesessen haben, um sich von der Sonne grillen zu lassen, und weil es dann so ausgesehen hat, als ob der Weg nicht mehr weiter führt als bis zu dem letzten Grundstück mit gegrillten Leuten, hat der Wittrich dann gesagt, dass sie jetzt vielleicht doch besser wieder umkehren sollten, aber die Mandy hat gesagt, dass sie doch jetzt nicht gleich schon wieder aufgeben dürfen, und deswegen sind die beiden dann doch noch ein Stückchen weitergegangen. Aber dann hat plötzlich eine Stimme gerufen:

– „Doua gejds fei niä weidä!“ und da hat der Wittrich erst einen Moment lang gestutzt, weil er nicht gleich mitbekommen hat, woher die Stimme gekommen ist, aber dann hat er gehört, wie neben ihm die Mandy gerufen hat:

– „Och schoud, miä hejdn gedoachd, miä köhmedn dou auf di Strouß zerügg.“

– „Naaa, dess gädd niä“ hat da wieder die Stimme gerufen, und da hat der Wittrich dann auch die Frau gesehen, die zu der Stimme gehört hat, und die ist mit einem vollen Wäschekorb in der Hand vorm Hintereingang ihres Hauses gestanden. Da hat der Wittrich der Mandy zugeraunt, sie soll doch die Frau mit dem Wäschekorb einmal fragen, ob hier nicht irgendwo der Herr Dr. Schwenglein wohnt, und die Mandy hat das dann für die Frau mit dem Wäschekorb übersetzt:

– „Souch amoll, wound dou niä irchendwu dä Hä Doggdä Schweng-lein?“ aber da hat die Frau erst einmal ziemlich misstrauisch geguckt und zurückgefragt:

– „Ja, ze woss wölledn iä dess wiss?“ und da hat der Wittrich der Mandy zugeraunt, dass sie jetzt vielleicht doch besser umkehren und verschwinden sollten. Aber stattdessen ist die Mandy sogar noch ein paar Schritte auf die Frau mit dem Wäschekorb zugegangen und hat ganz selbstbewusst gerufen:

– „Miä wöllns hald wiss! Woss issn nouchäd su schlimm dedroo? Miä möchedn di Bollizei ejm undäschdütz, wie sas aa gewöllt homm!“
Daraufhin hat die Frau mit dem Wäschekorb irgend etwas Unver-ständliches in ihren Bart gemurmelt, und die Mandy hat noch einmal nachgelegt:

– „Und woss iss jetzt nochäd? Dudd dä Hä Doggdä Schwenglein dou woona oddä niä?“ und da hat dann die Frau mit dem Wäschekorb zwar zuerst noch ein bisschen widerwillig geguckt, aber dann hat sie gerufen:

– „Naaaaa, dess is nuch a Schdüggela weidä uom.“

Da hat die Mandy gewusst, dass sie jetzt schnell weiterfragen muss, solange die Frau noch unentschieden gewesen ist, ob sie jetzt doch kooperieren oder lieber jede weitere Auskunft verweigern soll.

– „Und wie kümmd mä dou hii?“ hat die Mandy also schnell gefragt, und die Frau hat geantwortet:

– „Dess gädd blouß doua nindä und undn rüm, zerr di Schdrouß füä und nouchäd vonna nauf.“

– „Haasdess, dä Doggdä Schwenglein iss doua niä vebei kumma, zenn Beischbill, wenn ä zenn Rubbnwäddshaus ganga iss?“

– „Ajou, freilich issä doua vebei kumma. Dou uom durchn Zürnä sein Gaddn issä allfodd kschdapfd!“

– „Dou uom dää, bei di ruedn Büsch?“

– „Dess klaane Düürla, dou wu denejm di Rouwelln schdädd, dou nei gädds zem Zürnä sein Gaddn. Oubä dou könnt iä niä su eimpfoach ...“, aber noch bevor die Frau ausreden konnte, hat die Mandy dann schon den Wittrich an der Hand genommen und ist mit ihm hoch zu dem Gartentörchen bei den roten Sträuchern und der Schubkarre gegangen, und die Frau mit dem Wäschekorb hat nur noch irgend etwas Unverständliches hinterher gerufen und ihren Kopf geschüttelt.

Oben bei dem Gartentörchen haben der Wittrich und die Mandy dann erst einmal überlegt, was sie jetzt machen sollen, denn natürlich haben sie sich nicht getraut, einfach durch den Garten zu gehen, wie das vielleicht der Dr. Schwenglein immer gemacht hat, wenn er zum Ruppenwirtshaus gegangen ist, aber der Dr. Schwenglein war ja eben auch ein Nachbar und mit den Zürners gut befreundet. Außerdem wusste der Wittrich ja, dass die Zürners gerade zwei ziemlich schwere Schicksalsschläge hinter sich gehabt haben, und dass von der Familie ja eigentlich nur noch die kranke Frau Zürner und ihr Sohn übrig gewesen sind, und da hat der Wittrich natürlich nicht auch noch in ihrem Garten herumtrampeln wollen, weil das ja gerade so gewesen wäre, als ob er direkt auf ihren Nerven herumtrampelt. Aber während er und die Mandy dann so an dem Gartentörchen gestanden sind und überlegt haben, was sie jetzt am besten machen sollen, da ist plötzlich hinten am Haus die Kellertür aufgegangen, und sie haben gesehen, wie der Martin Zürner herausgekommen ist, mit einer Kiste auf dem Arm, die er dann über den kurzen Steinplattenweg zur Garage getragen hat, und in dem Moment, wo der Martin Zürner die Kiste auf dem Boden absetzen wollte, um die Garagentür aufzuschließen, da hat er gesehen, wie hinten an seinem Gartentörchen der Wittrich und die Mandy gestanden sind, und da hat er zuerst einen Moment lang gezögert, bevor er dann die Kiste wirklich abgestellt hat und auf die beiden zugegangen ist.

Jetzt haben der Wittrich und die Mandy natürlich doch ein bisschen Angst gehabt, dass der Martin Zürner sie anmotzt, was sie denn da an seinem Gartentörchen zu suchen hätten, und deshalb waren sie dann direkt ein bisschen überrascht, als er sie ganz freundlich gefragt hat, was sie da suchen und ob er ihnen denn vielleicht behilflich sein kann. Und diesmal hat der Wittrich dann doch selber mit dem Martin Zürner gesprochen, denn der hatte ja auch gar nicht so einen starken Dialekt, wie man das von einem gebürtigen Kronacher vielleicht erwartet hätte, aber das hatte sicher auch etwas damit zu tun, dass der Martin ja schon ein bisschen was von der Welt gesehen hatte, als er nämlich vor ein paar Jahren als Zeitsoldat mit der Afghanistan-Schutztruppe in Kundus stationiert gewesen ist, und vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass er ja nach seiner Zeit als Soldat ein Studium in Bremen angefangen hat, wo sie ja bekanntermaßen gar kein Fränkisch sprechen, sondern doch eher das Gegenteil davon.

Der Wittrich hat sich dem Martin Zürner jedenfalls erst einmal vorgestellt und dann etwas umständlich und vielleicht auch ein bisschen durcheinander erklärt, dass es ihm sehr leid tut, wenn er vielleicht aufdringlich erscheint, weil er jetzt hier an einem fremden Gartentörchen herumlungert, aber dass er ja am letzten Samstag auch im Konzert in der Stadtpfarrkirche gewesen ist und weiß, in welcher Lage der Martin Zürner sich befindet, mit dem Verlust von Schwester und Vater erst vor wenigen Monaten und jetzt mit der kranken Mutter, und dass ihm das alles auch so leid tut, weil er die Silvia ja sogar noch von früher als Musikfachschülerin gekannt hat, und dass er jetzt eigentlich nur hier am Gartentörchen steht, weil doch vor ein paar Tagen der Herr Dr. Schwenglein verschwunden ist, und weil er den ja erst kurz vorher noch bei der Schwedenprozession gesehen hatte, und dass er jetzt eben versucht, seine Bürgerpflicht zu erfüllen und der Polizei bei der Suche behilflich zu sein, und deshalb habe er einmal schauen wollen, wo der Herr Dr. Schwenglein denn vielleicht am letzten Freitag abend noch entlang gekommen ist, nachdem er von seinem Stammtisch im Ruppenwirtshaus aufgebrochen ist, und so stünde er jetzt eben hier, weil eine Nachbarin weiter unten gesagt habe, dass der Herr Dr. Schwenglein tatsächlich öfters einmal hier vorbeigekommen sei und dann durch seinen Garten, also den Garten vom Martin Zürner gegangen wäre, weil das ja offenbar eine Abkürzung ist, und ob das denn den Tatsachen entspräche, was da die Nachbarin von weiter unten gesagt habe, aber dass er, also der Martin Zürner, ihm, also dem Wittrich gegenüber, natürlich keinesfalls zu einer Auskunft verpflichtet sei und dass er und seine junge Begleiterin sich natürlich auch sofort wieder trollen würden, wenn er sie dazu auffordere, und dass sie seine Privatsphäre wirklich auf gar keinen Fall verletzen wollten!

Wer den Wittrich gekannt hat, der hätte sich jetzt in diesem Moment  schon ein bisschen wundern können, wie lange am Stück er da gerade geredet hat, denn ich habe ja schon gesagt, dass der Wittrich normalerweise doch eher so der schweigsame Zuhörertyp gewesen ist, aber ich würde sagen, dass dieses ungewöhnlich lange Reden am Stück jetzt vielleicht eben doch ein Zeichen dafür gewesen ist, dass der Wittrich ganz schön aufgeregt gewesen sein muss, wie er da dem Martin Zürner gegenüber gestanden ist und ihm erklären wollte, warum er gerade mit der Mandy an seinem Gartentörchen herumlungert. Aber der Martin Zürner hat ja dann doch ganz verständnisvoll geschaut und geduldig zugehört, und dann hat er sogar sehr freundlich gemeint, dass er das ja ganz großartig findet, wie der Wittrich sich so dafür einsetzt, das Verschwinden vom Dr. Schwenglein aufzuklären, und da ist der Wittrich im ersten Moment schon ganz schön erleichtert darüber gewesen, dass er und die Mandy gerade noch rechtzeitig am Gartentörchen stehen geblieben und nicht schon im Garten vom Martin Zürner herumgetrampelt sind, und anscheinend wohl auch noch nicht auf seinen Nerven, aber obwohl der Martin Zürner so nett reagiert hat, dass der Wittrich jetzt eigentlich ganz beruhigt hätte sein können, ist er komischerweise dann doch noch irgendwie ein bisschen nervös und angespannt geblieben, während der Martin Zürner weitergeredet hat. Der hat dann nämlich bestätigt, dass der Dr. Schwenglein eigentlich schon immer durch den Garten der Zürners gegangen ist, so lange er sich zurückerinnern kann, und wenn der Onkel Hermann, also der Dr. Schwenglein, wenn der unterwegs ins Wirtshaus gewesen ist, dann hat er ja früher auch sogar immer noch den Vater abgeholt und mit nach Ruppen genommen, weil das ja sozusagen der gemeinsame Stammtisch der beiden gewesen ist, denn der Vater ist ja wie der Onkel Hermann auch ein Hobbyjäger gewesen, und die beiden haben ja auch sowieso ein sehr gutes, also man muss eigentlich auch schon sagen ein freundschaftliches Verhältnis miteinander gehabt.

Als aber dann der Wittrich ganz erwartungsvoll gefragt hat, ob der Martin Zürner denn dann vielleicht sogar am letzten Freitagabend mitbekommen hat, wie der Dr. Schwenglein durch den Garten gegangen ist, weil der ja offenbar wieder einmal bei seinem Stammtisch im Ruppenwirtshaus gewesen ist, da hat der Martin Zürner allerdings bloß entschuldigend gesagt, dass er da leider gar nichts hat beobachten können, weil er ja am letzten Freitagabend überhaupt nicht zu Hause gewesen ist, denn er ist ja am Freitagabend zuerst in der Filmburg in der Schwedenstraße gewesen und danach nochmal ins Elektrogeschäft seines Vaters gefahren, wo er dann noch bis spät in der Nacht über den Büchern gesessen ist und die Abrechnung gemacht hat, und da ist er ja dann am Ende sogar noch vor Müdigkeit am Schreibtisch eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als ihn am nächsten Morgen eine Angestellte gefunden hat.

Man kann sich vorstellen, dass der Wittrich da schon ein bisschen enttäuscht gewesen ist, dass er nicht mehr herausbekommen hat, denn obwohl der Wittrich und die Mandy dann doch noch durch den Garten vom Martin Zürner und weiter hoch bis zum Haus vom Dr. Schwenglein gegangen sind, das der Martin Zürner ihnen dann auch noch gezeigt hat, haben sie ja dann zunächst einmal nur noch herausbekommen, dass der Dr. Schwenglein tatsächlich in einer ziemlich großen Villa gewohnt hat, mit einem ziemlich großen Grundstück drumherum und einer ziemlich großen Garage davor.

 

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zuletzt aktualisiert am 19.08.14
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