Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Mittwoch, 24. Juni
   Nochmal nachts in der Oberen Stadt

In der folgenden Nacht, also eigentlich mehr am nächsten Morgen ganz in der Früh ist der Wittrich dann wieder einmal aufgewacht, weil sein Bauch so gezwickt hat, dass er nicht mehr weiterschlafen konnte, und als er auf die leuchtende Anzeige von seinem Radiowecker geschaut hat, da hat die ihm angezeigt, dass es genau drei Uhr und vierundzwanzig Minuten gewesen ist. Also ist er wieder einmal aufgestanden und hat sich angezogen und ist durch den Hintereingang aus dem Bürgerspital hinaus geschlichen, um eine Runde durch die Stadt zu drehen, und diesmal ist er wieder rechts herum gegangen, durch die Hussitengasse, über den Marienplatz und die Rampe hoch in die Obere Stadt, und als er durch das Bamberger Tor gekommen ist, da hat er gesehen, wie die Hintertür der Bäckerei offen gestanden ist, die sich unten im Haus vom alten Café Röckelein befindet, und wie dort schon Licht gebrannt hat, weil die Bäcker natürlich so früh aufstehen und mit dem Backen anfangen müssen, damit die Menschen morgens zum Frühstück auch wirklich frische Brötchen essen können und nicht nur Toastbrot aus dem Supermarkt, und dann ist der Wittrich weiter gegangen, und irgendwie haben ihn seine Schritte dann ganz automatisch wieder die Amtsgerichtsstraße hoch zum Historischen Rathaus und zur Haustür von seiner alten Wohnung geführt, und ich würde sagen, dass seine Schritte das sicherlich nicht ganz zufällig gemacht haben, sondern sehr wahrscheinlich doch deshalb, weil der Wittrich ja bis jetzt noch immer nicht gewusst hat, wieso er da eigentlich vor anderthalb Wochen mitten in der Nacht jemanden gesehen hatte, der eine Schaufel und mehrere Kisten und ein Bündel Seile und verschiedene andere Dinge in das Haus hinein geschleppt hat.

Diesmal hat der Wittrich dann aber keine Verschnaufpause auf den Stufen zur Markthalle einlegen müssen, sondern er hat es tatsächlich geschafft, schnurstracks bis zu seiner alten Haustür zu wackeln, und dort hat er dann etwas gemacht, was er früher schon einmal gemacht hat, als er nämlich einmal von einer längeren Reise zurückgekommen ist und plötzlich seinen Schlüssel nicht mehr finden konnte und schon gedacht hat, dass er ihn auf der Fahrt verloren haben muss, denn da hat er dann nämlich etwas gemacht, was er vorher schon ein paarmal im Fernsehen gesehen hatte, wo das nämlich immer wieder einmal gezeigt wird, wenn sich zum Beispiel ein Privatdetektiv, oder manchmal auch ein Gauner, Zutritt zu einer fremden Wohnung verschaffen will, zu der er keinen Schlüssel hat. Aber eine Kreditkarte hat so ein Gauner oder ein Privatdetektiv natürlich immer dabei, und die schiebt er dann so geschickt zwischen die Tür und den Türrahmen, dass das Schloss aufspringt, und so ähnlich hatte der Wittrich das damals nach der längeren Reise dann auch versucht, bloß dass bei ihm das Schloss längst nicht so schnell aufgesprungen ist wie im Fernsehen, und eigentlich ist es dann ja nach einer halben Stunde auch nur deshalb aufgesprungen, weil die Haustür zur alten Wohnung vom Wittrich nämlich eine alte Holztür ist, die aus zwei Flügeln besteht: einem breiten Flügel, der die eigentliche Tür ist, und einem schmalen Flügel, der eigentlich immer festgestellt ist, den man aber mit zwei Hebeln oben und unten losmachen und nach innen schwenken kann, sodass dann der Eingang noch ein bisschen breiter ist als die eigentliche Tür, und weil sich dieser schmale Flügel im Laufe der Jahre aber etwas verzogen hatte, konnte man den unteren Hebel zum Feststellen dann irgendwann nicht mehr benutzen, weil die Stange, die durch den Hebel ausgefahren wird, nicht mehr genau in das Loch im Fußboden getroffen hat, und weil man den schmalen Flügel der Tür dann irgendwann nicht mehr richtig feststellen konnte, hat sich die Tür seitdem ganz leicht ein Stückchen nach innen drücken lassen, sodass man sie zwar immer noch nicht mit einer Kreditkarte öffnen konnte, aber dafür konnte man mit einem Schraubenzieher dazwischenfahren und den kleinen Hebel vom Schnapper umlegen, sodass die Tür dann praktisch wie von selbst aufgesprungen ist. Und genau das ist es dann auch gewesen, was der Wittrich damals nach dieser längeren Reise herausgefunden hatte, nachdem er es vorher eine halbe Stunde lang zuerst mit seiner Kreditkarte und dann auch noch mit seiner BahnCard versucht hatte, bevor er schließlich den Schraubenzieher aus dem Auto geholt hat, mit dem er dann ziemlich schnell ans Ziel gekommen ist, und genauso hat der Wittrich auch jetzt wieder die Haustür zu seiner alten Wohnung aufbekommen, nur dass er diesmal natürlich keine neue Kreditkarte und BahnCard gebraucht hat, weil er es diesmal ja gleich mit dem Schraubenzieher versucht hat.

Als der Wittrich dann im Flur gestanden ist, hat er seinen Schraubenzieher eingepackt und die kleine Taschenlampe ausgepackt, die er sich mitgenommen hatte, und mit der hat er dann erst einmal um sich herum geleuchtet und versucht, etwas zu erkennen, und dabei hat er dann gesehen, dass die Tür zum hinteren Teil des überdachten Innenhofes offen gestanden ist, weil sie von einem großen Eimer offen gehalten wurde, und da ist der Wittrich natürlich erst einmal durch diese Tür gegangen und hat sich gedacht, dass er da im hinteren Teil des überdachten Innenhofes vielleicht die Schaufel und die Kisten und das Bündel Seile und die verschiedenen anderen Dinge findet, die da jemand vor anderthalb Wochen in das Haus hineingeschleppt hatte, aber wie er dann durch die offene Tür und um die Ecke herum in den hinteren Teil des überdachten Innenhofes gegangen ist und dort nichts gefunden hat außer den Mülltonnen und dem alten Gerümpel, das dort schon seit Jahrzehnten gelegen hat, da hat er sich erst einmal auf einen kleinen Schemel gesetzt, der da zusammen mit ein paar anderen alten Möbelstücken gestanden war, und dann hat er schließlich doch erst einmal eine Verschnaufpause gemacht, und weil der Wittrich ja schon immer ein besonders sparsamer Mensch gewesen ist, hat er in dem Moment natürlich auch die Taschenlampe ausgeschaltet, um Batterien zu sparen.

Wie lange der Wittrich dann da so gesessen ist in dem dunklen Innenhof, das hat er hinterher selber nicht mehr gewusst, und vielleicht ist er ja auch ein bisschen eingenickt auf dem Schemel, bevor er dann plötzlich durch ein Geräusch wieder aufgeschreckt ist, das durch die offene Tür aus dem Flur gekommen ist, und von dem der Wittrich hinterher vermutet hat, dass es die Tür zum Keller gewesen sein muss, die nämlich schon immer ein bisschen geklemmt hat und mit ein bisschen Gewalt zugezogen werden muss, sodass sie dann auch schon ganz leicht einmal mit einem lauten RUMMS ins Schloss fällt, das sich sehr deutlich von dem PAMM unterscheidet, mit dem die Haustür ins Schloss fällt. In dem kleinen Flur hinter der Haustür gibt es nämlich außer dem Treppenaufgang, der hoch in den ersten Stock zur alten Wohnung vom Wittrich führt, und außer der Tür, durch die der Wittrich in den hinteren Teil vom überdachten Innenhof gegangen ist, und außer der Tür, die links zu den Geschäftsräumen mit den großen Schaufenstern führt, noch eine dritte Tür, die rechts hinunter in den Keller führt, der mehrere Stockwerke tief ins Erdreich führt und wahrscheinlich schon im Mittelalter angelegt worden ist, und das RUMMS dieser Kellertür ist wahrscheinlich auch das Geräusch gewesen, das den Wittrich jetzt aus seiner Verschnaufpause aufgeschreckt und in eine Art Kaninchenstarre hineingeschreckt hat, denn natürlich ist der Wittrich nach diesem RUMMS erst einmal mucksmäuschenstill gewesen und hat sich kaum getraut zu atmen oder sich zu bewegen, denn er hat ja erstens nicht gewollt, dass man ihn hört und findet und fragt, was er denn mitten in der Nacht in einem fremden Haus verloren hat, und zweitens hat er ja selber etwas hören wollen, und jetzt ist der Wittrich wirklich froh gewesen, dass er sein Hörgerät vorhin schon auf die höchste Empfindlichkeit eingestellt hatte, weil er sich an seine alte Haustür ja schließlich so wachsam herangeschlichen hatte wie ein Indianer an einen Cowboy, denn jetzt konnte der Wittrich nämlich ziemlich deutlich hören, wie jemand ganz furchtbar geschnauft und gekeucht hat, während gleichzeitig ein metallisches Klackern zu hören gewesen ist, das erst nach ein paar Sekunden wieder aufgehört hat.

 Hätte der Wittrich jetzt erst noch an seinem Hörgerät herumfummeln müssen, um überhaupt etwas hören zu können, dann hätte ihn ja vielleicht dieses ganz hohe Piepsen verraten, das man häufig hört, wenn jemand an seinem Hörgerät herumfummelt, aber so ist es dann eben doch nicht sein Hörgerät gewesen, das ihn verraten hat, sondern sein Stock, den er nämlich während seiner Verschnaufpause zwischen den Beinen gehalten hatte und der ihm nun plötzlich aus der Hand geglitten und gegen sein Knie gekippt ist, und dann ist der Stock an seinem Oberschenkel entlang in Richtung Schoß gerutscht und hat dabei so ein schleifendes Geräusch gemacht hat, wie es eben ein Stück Holz macht, wenn es an einem Stück brauner Schurwolle entlang gleitet, und jetzt muss man wirklich von Glück reden, dass der Stock vom Wittrich unten so einen Gummi-Überzug gehabt hat, denn deswegen ist er dann ja bloß mit seinem oberen Ende an der Hose entlang bis in den Schoß vom Wittrich weggerutscht, wo er von seinem Bauch aufgehalten worden ist, und nicht noch mit seinem unteren Ende auf dem gefliesten Fußboden, denn dann wäre er jetzt vermutlich mit einem lauten Knall auf die Fliesen aufgeschlagen, während so ja immerhin nur ein leises Schleifen zu hören gewesen ist. Aber dieses leise Schleifen hat dann auch schon gereicht, dass plötzlich das Schnaufen und Keuchen ausgesetzt hat, und daran hat der Wittrich sofort gemerkt, dass jetzt nicht nur er, sondern auch noch ein anderer ganz mucksmäuschenstill ins Dunkle hinein gehorcht hat, und da hat er seinen Stock ganz fest gepackt und die Luft angehalten und nur noch starr wie ein Kaninchen vor der Schlange auf seinem Schemel gesessen, während er ein paar schlurfende Schritte in seine Richtung gehört hat, bevor es wieder mucksmäuschenstill geworden ist. Nach ein paar Sekunden hat es dann in die Mucksmäuschenstille hinein wieder ein paarmal geklackert, aber diesmal ist es kein metallisches Klackern gewesen, sondern eher so ein Klick-klack-klick-klack aus Plastik, und es hat auch wirklich nur drei- oder viermal geklackert, bevor der Wittrich ein leises Fauchen und Schnalzen gehört hat, nach dem es dann erst einmal wieder mucksmäuschenstill geworden ist. Allmählich hat sich der Wittrich dann gefragt, wie lange er wohl noch die Luft anhalten kann, ohne grün und blau zu werden und am Ende noch in Ohnmacht zu fallen, aber bevor er dann wirklich grün und blau geworden ist, hat er plötzlich wieder die schlurfenden Schritte hören können, die aber diesmal nicht näher gekommen sind, sondern von ihm weg geführt haben, und bevor der Wittrich dann wirklich in Ohnmacht gefallen ist, hat er gerade noch hören können, wie eine Männerstimme so etwas wie „Mistviech“ gezischt hat und wie dann die Haustür auf und wieder zu gemacht worden ist.

Jetzt muss man eigentlich schon wieder von Glück reden, dass bei dem Gerümpel, das im überdachten Innenhof vom alten Weißmüller herumgestanden ist, nicht nur ein Schemel dabei gewesen ist, sondern dass da gleich neben dem Schemel auch noch ein paar alte Teppiche zusammengerollt gelegen haben, denn auf diese zusammengerollten Teppiche ist der Wittrich dann nämlich in seiner Ohnmacht heruntergekippt, ohne dass er sich dabei noch etwas gebrochen hätte, denn man weiß ja, dass sich alte Menschen sehr leicht schon einmal etwas brechen können, wenn sie umkippen, und wenn das zum Beispiel ein Oberschenkelhals ist, den sie sich brechen, dann sieht das für die alten Menschen manchmal ganz schön übel aus, und manch einer ist schon mit einem Oberschenkelhals ins Krankenhaus eingeliefert und mit einer schwarzen Bahre wieder abgeholt worden, aber als der Wittrich dann nach einer gewissen Zeit wieder zu sich gekommen ist und gemerkt hat, dass er in seiner Ohnmacht von seinem Schemel auf die zusammengerollten Teppiche heruntergekippt sein muss, da hat er zwar noch ein ganzes Weilchen gebraucht, bis er sich wieder aufgerappelt hatte, aber zum Schluss ist er dann doch wieder ganz munter auf seinen drei Beinen gestanden und hat sich mit der Taschenlampe den Weg zurück in den Flur geleuchtet, und dann hat er den Lichtschalter gesucht und gedrückt, aber als dann kein Licht angegangen ist, da hat sich der Wittrich schon seinen Teil gedacht, und als er dann noch einmal mit seiner Taschenlampe in den überdachten Innenhof zurück geleuchtet hat, da hat er dann auch gesehen, dass da gar keine Birne in der Fassung gewesen ist, die an einem Kabel von der Decke heruntergebaumelt hat, und so hat er sich dann auch zusammenreimen können, dass das Klick-klack-klick-klack von vorhin der Lichtschalter gewesen ist und dass das leise Fauchen und Schnalzen das Fluchen von dem Mann gewesen sein muss, der damit vergeblich versucht hat, das Licht anzumachen. Danach hat sich der Wittrich dann noch den Weg zurück und bis zur Kellertür geleuchtet, aber als er die Klinke heruntergedrückt hat, da ist die Kellertür verschlossen gewesen, und da hat sich der Wittrich dann auch noch zusammengereimt, dass das metallische Klackern von vorhin der Schlüssel gewesen sein muss, der im Schloss der Kellertür geklackert hat, und dass das Keuchen und Schnaufen wahrscheinlich von dem Mann gekommen ist, der vorher die steile Kellertreppe heraufgestiegen war.

Später am Morgen, nachdem der Wittrich dann wieder zurück ins Bürgerspital gewackelt war und noch eine ganze Weile lang hellwach auf seinem Bett gelegen ist, bis sein Herzschlag und seine Gedanken wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen waren, da hat er dann auf dem Weg zum Frühstück natürlich wieder ganz aufmerksam die Zeitung durchgeblättert, ob da vielleicht heute endlich etwas Neues über den verschwundenen Dr. Schwenglein dringestanden ist, aber auch diesmal hat er wieder nichts Neues darüber gefunden, und da hat er sich dann nach dem Frühstück gleich wieder hingelegt und den ganzen Vormittag verschlafen, denn das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, dass so ein nächtliches Abenteuer für einen Mann in seinem Alter auch nicht gerade ein Pappenstiel gewesen ist.

 

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zuletzt aktualisiert am 19.08.14
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