Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Mittwoch, 24. Juni
   Abends beim Poetry Slam

Am Mittwochabend hat der Wittrich dann etwas gemacht, was man ihm so auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zugetraut hätte, weil – so ein bisschen konservativ hat der Wittrich ja schon gewirkt, wenn man ihn gesehen hat in seinem Dreiteiler aus brauner Schurwolle, und auch wenn man mit ihm geredet hat, ist das ja eher so gewesen, dass man den Eindruck hatte, dass er einer von der ganz alten Schule ist, der noch die Glocke von Schiller auswendig gelernt hat und vielleicht auch noch ein paar Gedichte von Brecht kennt, aber dass nun ausgerechnet der Wittrich sich für so moderne Sachen wie einen Poetry Slam interessiert, darauf wäre man wirklich nicht so schnell gekommen. Aber natürlich ist da ja auch ein bisschen die Mandy Förtsch mit daran schuld gewesen, die den Wittrich nämlich plötzlich gefragt hat, ob er nicht mit ihr mitkommen möchte und sie ein bisschen unterstützen, wenn sie ihren ersten großen Auftritt bei so einem Poetry Slam hat, denn ich habe ja schon gesagt, dass die Mandy zwar kein großer Freund der Zahlen ist, aber mit Worten, da kann sie wirklich ganz besonders gut umgehen, und deshalb hat sie auch schon immer gerne selber Texte geschrieben, egal, ob das jetzt Aufsätze für die Schule gewesen sind oder eigene Gedichte oder auch einfach nur Einträge in ihr Tagebuch, und als sie dann gesehen hat, dass im Struwwel, also im Kronacher Jugend- und Kulturtreff in der Rodacher Straße, dass da zum ersten Mal ein so genannter Poetry Slam stattfinden soll, wie es den sonst eigentlich nur in größeren Städten gibt, wo sie eine Universität und viele Germanistik-Studenten oder Deutschlehrer haben, da hat die Mandy nach einigem Hin und Her schließlich doch noch ihren ganzen Mut zusammengenommen und beschlossen, sich da auch einmal anzumelden, obwohl sie ja weder eine Germanistik-Studentin noch ein Deutschlehrer gewesen ist, sondern bloß mit Ach und Krach die  Realschule geschafft und jetzt eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht hat.

Wer jetzt selber noch nie einen Poetry Slam erlebt hat und vielleicht auch sogar noch nie davon gehört hat, der muss sich das so vorstellen, dass da nacheinander ein paar mutige Menschen vor das Publikum treten und ihre selbst geschriebenen Texte vortragen, und dabei gibt es eigentlich nur ein paar Regeln, die man beachten muss, wie zum Beispiel, dass man höchstens fünf Minuten Zeit hat oder dass man nicht singen darf oder dass der Text wirklich selbst geschrieben sein muss, aber ansonsten ist da eigentlich nichts weiter vorgeschrieben, und weil so ein Poetry Slam ein richtiger Wettbewerb ist, wird am Anfang erst einmal eine Wettbewerbs-Jury gebildet, und zwar aus Freiwilligen im Publikum, und die bekommen dann so Schilder mit Zahlen von eins bis zehn in die Hand, und dann ist das so ähnlich wie zum Beispiel beim Eiskunstlaufen, wo die Schiedsrichter nämlich nach jedem Teilnehmer ihre Punkte hochhalten, und ein Moderator sortiert dann die höchste und die niedrigste Punktzahl aus und zählt die restlichen Punkte zusammen, und dann schreibt jemand die Gesamtpunktzahl auf eine Tafel und führt so eine Art Rangliste, und wenn dann alle an der Reihe gewesen sind, dann gibt es am Ende noch ein Finale, wo dann die Textschreiber, die auf den ersten drei Plätzen der Rangliste gelandet sind, noch einmal einen zweiten Text vortragen müssen, und danach darf dann das ganze Publikum mit seinem Applaus noch einmal über die drei ersten Plätze abstimmen, und der Sieger erhält dann einen kleinen Preis wie zum Beispiel eine Tüte Gummibärchen oder eine Dose Erbseneintopf.

So ähnlich ist das dann jedenfalls auch an diesem Mittwochabend im Struwwel gewesen, oben unter dem Dach, wo sie diese kleine Bühne aufgebaut haben, und wo der Wittrich sich dann ziemlich weit vorne hingesetzt hat, damit er auch etwas von den Textvorträgen verstehen kann, während die Mandy erst einmal in irgend einem Hinterzimmer verschwunden ist, wo die aktiven Poetry Slammer ein Stück Pizza und drei Getränke-Gutscheine spendiert bekommen haben, und so um kurz vor Neun sind dann die beiden Moderatoren auf die Bühne gekommen und haben die Jurymitglieder bestimmt und eine Reihenfolge der Teilnehmer ausgelost, und als dann festgestanden ist, dass die Mandy erst ziemlich am Ende drankommen wird, ist damit dann auch festgestanden, dass der Wittrich bis zum Ende bleiben muss, auch wenn ihm so ein Poetry Slam vielleicht gar nicht so gut gefällt, aber schließlich war er ja mitgekommen, um der Mandy ein bisschen seelischen Beistand zu leisten, weil die nämlich doch ganz schön nervös gewesen ist vor ihrem großen Auftritt.

Der erste Teilnehmer an diesem Abend ist dann so ein junger Schweizer gewesen, wo man sich fragt, wie kommt jetzt so ein junger Schweizer überhaupt nach Kronach, aber der hat dann einen ziemlich wirren Text über die Wassertropfen auf seiner Haut beim Duschen und über die Erotik des Schweizer Franken vorgetragen, und der Wittrich hat das zwar schon ein bisschen pubertär gefunden, aber im Großen und Ganzen gar nicht einmal so uninteressant. Als nächstes sind dann zwei ziemlich schräge Vögel auf die Bühne gekommen, die mit ihrem Vortrag das Publikum doch ganz schön verstört haben, weil es hat schon einmal damit angefangen, dass sie den Satz „Ich kaufe schnell noch ein, und dann fick ich meine Oma“ ungefähr zwanzigmal gemeinsam im gleichen Rhythmus gesprochen haben, und zwischen den Wiederholungen haben sie mit dem Finger im Mund so ein Plopp-Geräusch gemacht, dass es dann ungefähr so geklungen hat:

„Ich kaufe schnell noch ein, und dann fick ich meine Oma *plopp*
Ich kaufe schnell noch ein, und dann fick ich meine Oma *plopp*
Ich kaufe schnell noch ein …“, und da kann man sich schon ganz gut vorstellen, dass da der Wittrich nicht der einzige gewesen ist, der nicht so recht gewusst hat, wie er das jetzt eigentlich einordnen soll. Aber die Mandy, die sich zuerst einmal neben den Wittrich gesetzt hatte, weil sie ja erst ziemlich am Schluss drankommen sollte, die hat sich dabei ganz gut amüsiert und dem Wittrich dann erklärt, dass sich diese beiden schrägen Vögel auf der Bühne mit ihrer demonstrativen Geschmacklosigkeit doch nur über die pseudokünstlerische Masche lustig machen wollen, mit der man heutzutage ein Publikum nur durch einen Tabubruch zu provozieren braucht, um das Ganze dann Kunst nennen zu können, wie das zum Beispiel auch der Schlingensief mit seiner Parsifal-Inszenierung in Bayreuth gemacht hätte, und da hat der Wittrich dann nicht nur gestaunt, dass sich die Mandy mit den Inszenierungen der Bayreuther Festspiele ausgekannt hat, sondern es hat ihm dann sogar auch irgendwie ein bisschen eingeleuchtet, was die beiden schrägen Vögel da auf der Bühne eigentlich gewollt haben, und am Ende hat er dann sogar auch ein bisschen schmunzeln müssen, und fast hätte er den beiden schrägen Vögeln dann auch noch ein paar Punkte mehr gegönnt, als sie tatsächlich bekommen haben.

Nach den beiden schrägen Vögeln ist dann als Drittes ein junger Mann mit einer Hornbrille auf die Bühne gekommen, und der hat mit seiner näselnden Stimme einen ganz eigenartigen Text vorgetragen, der ungefähr so gegangen ist:

„Samstag früh, vier Uhr. Schrecke hoch und stoße mit dem Kopf an etwas Hartes. Dreh mich um und erkenne eine Kloschüssel. Weiß nicht, wo und wer ich bin. Habe plötzlich einen bitteren Geruch in der Nase. Ahne, dass er von der rotbraunen Pfütze unter mir stammt. Die Pfütze, in der eben noch mein Kopf gelegen hat. Sehe allmählich schärfer und stelle fest, dass ich nicht der einzige mit einem verklebten Pelz bin. Aber im Gegensatz zu mir atmet die Maus nicht mehr, die sich in meinen Haaren verfangen hat. Beim Versuch, ihre steifen Krallen aus meiner Frisur zu befreien, brechen ihre Beine ab. Lege eine Gedenkminute für sie ein. Raffe mich dann auf, um meine Umgebung zu erkunden. Mein Blick fällt in einen Spiegel. Lese die Buchstaben REXI W auf meiner Stirn. Ist das wohl mein Name? Meine Eltern sollen verflucht sein! Erinnere mich dann plötzlich an Marion, die gestern mit mir Schluss gemacht hat. Wegen Lisa. Und an den schwarzen Edding in ihrer Hand. Bekomme einen trockenen Mund und sacke auf den Boden zurück. Beschließe dann, den Flüssigkeitsmangel schnell auszugleichen und mache mich auf die Suche nach einem Kühlschrank. Folge kriechend einer rotbraunen Spur, die mich schließlich in die Küche führt. Fische dort eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, beiße den Kronkorken weg und spüre, wie sich schlagartig meine innere Anspannung löst, als die ersten Tropfen auf meiner Zunge verdampfen. Versuche, mich an einem Küchenstuhl hochzuhangeln, rutsche aber auf einem Stück Salami-Pizza aus, das unter meine Sohle geraten ist. Schlage mit dem Kinn auf dem Küchenstuhl auf und spüre meine Zungenspitze zwischen den Schneidezähnen. Bin tapfer und desinfiziere die Wunde mit Bier. Ziehe mich dann an einem Schrank nach oben und verschaffe mir einen Überblick. Auf dem Herd steht noch ein Topf. Mein Magen signalisiert Interesse. Als ich den Deckel abhebe, schwirrt mir ein Schwarm fröhlicher Fliegen entgegen. Im Vorbeiflug winken sie mir rülpsend zu und singen: „Ich möcht als Spielmann reisen weit in die Welt hinaus, und singen meine Weisen, und gehn von Haus zu Haus...“ Als sich der Gesang in der Ferne verloren hat, blicke ich tiefer in den Topf und sehe eine einzelne Nachzüglerin, die noch auf der blaugrauen Schimmeldecke sitzt. Darunter erkenne ich eine Handvoll Spaghetti Bolognese. Die Fliege zieht genüsslich noch einen Schluck Schimmelsoße durch den Rüssel und dreht dann langsam ihren Kopf zu mir herum. Während sie laut mit den Wimpern klimpert, haucht sie mit rauchiger Stimme „Na, du?“ und reibt sich lasziv die Hinterbeine aneinander. Bin aber nicht anfällig für die Reize facettenäugiger Schönheiten und beantworte ihre schamlose Anmache aus dem Bauch heraus mit einem Schwall der rotbraunen Flüssigkeit, deren Ursprung ich nun kenne. Drücke schnell den Deckel wieder auf den Topf und wende meine Aufmerksamkeit den anderen Personen im Raum zu. Sehe auf dem Sofa Rica und Basti, wie sie ihre Zungen und Beine hektisch ineinander verknoten. Gleich neben ist noch ein Platz frei, auf den ich mich fallen lasse. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, sitzt Benni, mit Sophie auf dem Schoß, die vergeblich versucht, ihm den Qualm ihrer Zigarette so in das linke Ohr zu pusten, dass er aus dem rechten wieder herauskommt. Offenbar ein anatomisches Experiment. Rechts daneben sitzt Mimi und tippt eine SMS, während Fabian hinter ihr steht und gerade einen wohlgeformten Speichelbatzen auf ihr Handy abseilt. Gute Idee, finde ich und greife selbst zum Handy. Tippe „Es ist aus. Ruf mich nie wieder an! Hab dich bloß verarscht.“ und versende die SMS dann an einige attraktiv klingende Frauennamen aus dem Adressbuch. Stecke anschließend das Handy zurück in Stefans Jacke, die neben mir über einem Stuhl hängt. Lächle zufrieden. Die Zufriedenheit weicht schlagartig, als ich einen feuchtwarmen Atem auf meiner linken Wange spüre. Cindy hat sich von hinten zu mir vorgebeugt und gewährt mir einen unverhofft direkten Einblick in ihren wuchtigen Ausschnitt. Während ihre Brüste meine Nase in die Zange nehmen, stöhnt sie mir gepresst ins Ohr: „Üsch wüll’n Künd vön dioa, dü säcksi Adöönis, dü!“ Ich bin anderer Meinung und winde mich los. Will aufstehen und weglaufen, rutsche aber dabei aus, sodass sich mein Fuß unter dem Sofa verklemmt. Bevor ich ihn wieder los bekomme, hat sich Cindy auf mich geworfen. Ihre massige Zunge schiebt sich in meinen Hals und erstickt meine Hilfeschreie, während ihre knapp zweihundert Pfund auf meinem eingeklemmten Bein lasten, bis ich ein deutliches Knacksen vernehme. Bin tapfer und ramme Cindy mein freies Knie in den Unterleib. Sie zuckt zusammen und gibt mich für einen alles entscheidenden Moment frei, sodass ich meinen Fuß befreien kann. Robbe dann über den Küchenboden ins Treppenhaus. Am oberen Treppenabsatz verlassen mich meine Kräfte, und in einer letzten Anstrengung schubse ich meinen willenlosen Körper die Treppe hinunter. Beim Aufprall auf den Stufen nehmen Wirbelsäule und Schädeldecke merklichen Schaden. Bin aber wieder tapfer und hole neuen Schwung, um die Absätze zwischen den vier Stockwerken zu überwinden. Pralle schließlich im Erdgeschoss ungebremst gegen die Kellertür. Von meiner Wucht beeindruckt, springt die auf und gibt den Blick frei auf eine steinerne Kellertreppe. Kann jetzt nicht widerstehen. Kralle meine blutigen Finger um die oberste Stufe und ziehe mit wunden Armen meinen geschundenen Leib über die Kante. Mein Körper stürzt die steinerne Stiege hinunter in die lichtlose Tiefe, aus der er wohl so bald nicht wieder auftauchen wird. Ich aber schließe sorgfältig die Kellertür hinter mir, bevor ich vorbei an den überfüllten Mülltonnen im Innenhof nach draußen in die namenlose Schwärze der Nacht entschwebe. Im Vorbeiflug säusele ich den Ratten am Fluss noch ein zärtliches "Adieu" in ihre zernagten Öhrchen.“

Nach diesem Vortrag ist der junge Mann mit der Hornbrille dann ziemlich schnell von der Bühne gehuscht, und das Publikum ist erst einmal ein paar Sekunden still gewesen, bevor schließlich einige Zuschauer einen höflichen Applaus angestimmt haben, aber im Grunde genommen hat man schon gemerkt, wie alle ziemlich irritiert gewesen sind, und auch der Wittrich ist einigermaßen verstört gewesen, und diesmal hat sogar die Mandy nicht so richtig gewusst, wie sie das einordnen sollte, denn obwohl sie ja am Anfang noch ein paarmal laut hat lachen müssen, ist ihr Lachen dann im Laufe des Vortrags auch immer leiser geworden, bis am Ende gar nichts mehr davon übrig gewesen ist, aber wenn mich jemand fragen würde, wie man diesen seltsamen Text erklären soll, dann würde ich sagen, dass so ein Poetry Slam eben vor allem etwas für Germanistik-Studenten und für Deutschlehrer ist, und dass man unter solchen Menschen eben auch ab und zu auch immer mal wieder einen findet, der vielleicht noch viel lieber Philosophie oder Psychologie studiert hätte als Germanistik, aber weil ihm seine Eltern gesagt haben, dass man als Philosoph oder Psychologe nicht so eine gesicherte Lebensgrundlage hat wie als Deutschlehrer, hat er sich dann eben doch für das Lehramts-Studium entschieden.

Zum Glück ist aber nach diesem jungen Mann mit der Hornbrille dann erst einmal wieder etwas Lustiges gekommen. Der nächste Kandidat ist nämlich so ein großer lockiger Typ aus Norddeutschland gewesen, der mit seinem friesischen Akzent ein paar ABC-Gedichte vorgetragen hat, und das Besondere an diesen ABC-Gedichten ist ja, dass die Worte mit den Buchstaben in der Reihenfolge des Alphabets anfangen müssen, und wer einmal versucht hat, selber so etwas zu schreiben, der wird ganz schnell merken, dass das gar nicht so einfach ist, wie es im ersten Moment vielleicht aussieht. Man muss da nämlich ganz schön herumtüfteln, wenn man außerdem noch ein bestimmtes Versmaß durchhalten will und wenn die Worte einigermaßen einen Zusammenhang haben sollen und das Gedicht außerdem auch noch ein bisschen pfiffig sein soll. Angefangen hat der lockige Typ aus Norddeutschland dann erst einmal mit einem ABC-Gedicht über Tiere:

„Antilope, Bär, Chinchilla,
Dromedar, Elch, Fuchs, Gorilla,
Geier, Huhn, Ichthyosaurus,
Jagdhund, Kuh, Laus, Minotaurus,
Nashorn, Otter, Parasit,
Qualle, Reblaus, Sodomit,
Tiger, Urkrebs, Vorzeitmade,
Wal, Ix-Ypsilon, Zikade.“

Das ist natürlich ganz klar, dass man beim X und beim Y wohl ein Auge zudrücken muss, weil es einfach viel zu wenige Worte gibt, die mit X oder mit Y anfangen, und bei den nächsten ABC-Gedichten, die der lockige Typ aus Norddeutschland noch vorgetragen hat, hat er dann auch das Versmaß nicht mehr immer ganz so streng eingehalten, aber gestaunt hat der Wittrich trotzdem nicht schlecht, was man aus so einer einfachen Idee alles machen kann.

Nach dem lockigen Typ aus Norddeutschland, der von der Jury dann auch ziemlich viele Punkte bekommen hat, ist als Nächstes eine junge Frau ans Mikrophon gegangen, die ist so dünn gewesen, dass der Wittrich schon fast einen kleinen Schrecken bekommen hat, und die Frau ist außerdem ganz schwarz gekleidet gewesen, mit einem schwarzen Rollkragenpullover und einer schwarzen Cordhose, und ihre Haut ist dagegen ganz bleich gewesen, und als sie dann mit ihren knochigen Fingern das Mikrophon aus der Halterung genommen hat, da hat bestimmt nicht nur der Wittrich denken müssen, dass das alles in allem doch eine ziemlich gespenstische Erscheinung gewesen ist, und genauso ist dann ja auch der Text gewesen, den diese junge Frau vorgetragen hat, und da hat es auch nicht viel genutzt, dass die Mandy hinterher dem Wittrich gesagt hat, dass das von der Form her so eine Art Rap wäre, wie er jetzt in der Musik der jungen Leute häufiger einmal vorkommt:

„du sitzt nachts / auf meiner brust / und schwitzt und lachst / vor geiler lust / tust, was du tun musst / und atmest heiß und schwer / ich fühl mich weiß und leer / lös keine gleichung mehr / bin total weich und sehr / benommen / warum nur bist du hergekommen / hast gegen mich nicht fair gewonnen / und wie teer zerronnen / ist mein traum / von nem einbaum / mit dem ich weg schwimm / stattdessen sitz ich im dreck drin / wart ab bis ich verreckt bin / und du streckst mir bloß nen scheck hin / denkst wohl, dass ich das gerecht find / doch schlecht sind / deine argumente / ich versteh einfach nicht, was du sendest / hoffe nur, es ist bald zu ende / hab dauernd angstzustände / arm und hände / sind geritzt / denn du sitzt / nachts / auf meiner brust / und schwitzt / und lachst / vor geiler lust / tust, was du tun musst / und atmest heiß und schwer / ich fühl mich weiß und leer / verkrampf vielleicht zu sehr / wenn du dich über mich beugst / und dich wieder nicht scheust / mir meinen frieden zu rauben / mich mit vergnügen zu schrauben / und echt zu glauben / ich würde gern mit dir verkehren / kann mich nur nicht mehr wehren / muss ich dir das wirklich erklären / ganz gut entbehren / könnt ich dich und deine nähe / wir führn doch schließlich keine ehe / kannst du dir echt nicht eingestehen / dass unsere uhren nicht gleich gehen / dass sie einfach nicht synchron ticken / du brauchst auch keine million schicken / denn ich werd dich nicht für lohn ficken / damit alle auf mich mit hohn blicken / und so'n dicken / schlitten fährst du auch wieder nicht / ich blas dir meinen rauch ins gesicht / die pflaster haben auch nichts genützt / denn du sitzt / nachts / auf meiner brust / und schwitzt / und lachst / vor geiler lust / tust, was du tun musst / und atmest heiß und schwer / ich fühl mich weiß und leer“

Dieser Text ist dann für den Wittrich schon ein ziemlich starker Tobak gewesen, und man kann nicht gerade sagen, dass er das einfach so weggesteckt hätte, nein, da hat er schon noch eine ganze Weile darüber nachdenken müssen, wie so ein Text zustande kommen kann und was das wohl für Dinge gewesen sein müssen, die jemand erlebt hat, damit er so einen Text schreibt, aber zum Glück ist ja danach erst einmal eine Pause gewesen, und die hat der Wittrich jetzt auch wirklich gut gebrauchen können.

Nach der Pause sind dann noch ein paar andere Slammer dran gewesen, bis endlich die Mandy als Vorletzte an die Reihe gekommen ist, aber ich glaube fast, es ist besser, wenn ich jetzt nicht erzähle, was dann passiert ist, weil – vielleicht ist das der Mandy dann doch gar nicht so recht, wenn jeder erfährt, dass sie zwar einen wirklich sehr nachdenklichen und schön formulierten Text über ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem Stiefvater vorgetragen hat, in dem auch sogar ein oder zwei Pointen drin gewesen sind, bei denen die Zuschauer ein bisschen haben schmunzeln müssen, aber dass sie mit der Punktzahl, die ihr die Jury gegeben hat, dann doch nur die Letzte in der Rangliste geworden ist. Der Wittrich hat zwar gefunden, dass das eine grobe Fehlentscheidung gewesen ist und dass sie mindestens unter den ersten drei Plätzen hätte landen müssen, aber man muss vielleicht auch dazu sagen, dass der Wittrich eben doch ein ganz besonderer Fan von der Mandy gewesen ist, und dass er durch die vielen Gespräche mit ihr ja auch ziemlich gut darüber Bescheid gewusst hat, was die Mandy schon alles für Dinge erlebt hatte, und deshalb hat er die ganzen versteckten Anspielungen natürlich auch viel besser verstehen können als die anderen Zuschauer, die sie vielleicht ja auch überhaupt nicht verstanden haben, weil sie schließlich gar nichts über das schwierige Verhältnis zwischen der Mandy und ihrem Stiefvater gewusst haben. Jedenfalls hat der Wittrich dann hinterher noch versucht, die Mandy zu trösten und ihr zu erklären, warum das Publikum mit ihrem Text wohl nicht so viel hat anfangen können, aber dass das ja noch lange nicht heißen muss, dass ihr Text deshalb nichts taugt oder dass sie ihn schlecht vorgetragen hätte, denn schließlich wären ja schon viele große Autoren von ihrem Publikum zuerst einmal überhaupt nicht verstanden worden, und erst hinterher hätte es den Leuten dann allmählich gedämmert, dass sie da etwas ganz Großes nicht verstanden haben, weil sie einfach noch nicht weit genug um die Ecke denken konnten, und obwohl sich die Mandy am Anfang schon wahnsinnig geschämt hat für ihren letzten Platz, hat sie dann aber doch irgendwann dem Wittrich und seiner Erklärung vertraut, denn irgendwie ist der Wittrich für sie ja schon eine ziemliche Autorität in vielen Dingen gewesen, und vielleicht kann man sogar sagen, dass die Mandy am Ende schon fast ein bisschen stolz gewesen ist auf ihren letzten Platz, aber auf jeden Fall ist sie richtig froh darüber gewesen, dass sie den Wittrich gefragt hatte, ob er als seelischer Beistand mit ihr mitkommt zu diesem Poetry Slam, obwohl sie ihm das ja am Anfang gar nicht so richtig zugetraut hätte.

 

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zuletzt aktualisiert am 19.08.14
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