Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Freitag, 26. Juni
   Nachts im Traum und in der Stadt

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist der Wittrich dann schon wieder einmal aufgewacht, aber diesmal ist gar nicht nur sein zwickender Bauch daran schuld gewesen, sondern auch ein ganz verworrener Traum, der ihn am Ende regelrecht hochgeschreckt hat, weil der Wittrich hat nämlich geträumt, er geht über ein Kopfsteinpflaster eine Straße hinauf, aber wie er so geht, da merkt er auf einmal, dass die Kopfsteine alle ein bisschen lose sind und unter seinen Füßen wackeln, und deshalb muss er ganz vorsichtig gehen, damit er nicht stolpert und hinfällt, aber je weiter er geht, desto wackliger werden die Steine und desto größer werden auch die Zwischenräume zwischen den Steinen, und seine Schuhe haben so glatte Sohlen, dass sie immer wieder abrutschen und sich zwischen den Steinen verhaken, und damit er nicht hinfällt, krallt er sich jetzt an seinem Stock fest, aber der bleibt plötzlich auch in einem Zwischenraum stecken, und der Wittrich verliert das Gleichgewicht und fällt hin, und weil die Zwischenräume zwischen den Kopfsteinen inzwischen so groß sind, dass ein Mensch dazwischen passt, rutscht er jetzt zwischen den Steinen hindurch und versinkt in den Zwischenräumen wie in einer seimigen Flüssigkeit, und während er an den Steinen vorbei nach unten sinkt, da merkt er plötzlich, dass das gar keine Kopfsteine mehr sind, sondern richtige Köpfe von lebenden Menschen, zwischen denen er da hinuntergleitet, und diese Menschen schwanken so langsam im Wasser wie Algen in einem See, und sie schauen ganz ernst und murmeln irgend etwas vor sich hin, aber der Wittrich kann nicht verstehen, was sie murmeln, denn er hört nur ein Brummen und Summen wie von einem Bienenschwarm, und während er weiter nach unten sinkt, schaut er nach oben und sieht, wie über den Köpfen der murmelnden Menschen dunkle Schatten vorbeihuschen, und er denkt sich, dass das wohl die Fahrzeuge sind, die auf dem Kopfsteinpflaster fahren, aber diese Fahrzeuge machen gar kein Geräusch, sondern sie bewegen sich ganz lautlos und gleiten durch die Luft wie Vögel, und dann sind es auf einmal auch wirklich Vögel, die über ihm am Himmel ihre Runden drehen, und der Wittrich plötzlich treibt im klaren Wasser, und die Sonne scheint ihm ins Gesicht, und auf einmal hört er eine Frauenstimme nach ihm rufen „Konrad, hier bin ich!“ und er dreht sich um und sieht, wie am Ufer die Rosalie steht und ihm winkt, und sie hat nur ihren roten Bikini an, genau wie damals am Wannsee, als sie sich zum ersten Mal begegnet sind, und jetzt versucht er, zu ihr an Land zu schwimmen, aber er kommt gar nicht richtig von der Stelle, und da merkt er, dass er ja immer noch seinen braunen Dreiteiler anhat und dass die Schurwolle sich schon ganz mit Wasser vollgesogen hat und ihn nach unten zieht, und da kriegt er plötzlich große Angst zu ertrinken und strampelt wie verrückt, während er sich Stück für Stück die Kleidung vom Leib reißt, bis er ganz nackt ist und ans Ufer schwimmen kann, und als er ganz atemlos aus dem Wasser steigt, da hält ihm die Rosalie ein Handtuch hin und sagt „Na, du machst ja  Sachen!“ und dann rubbelt sie ihn trocken, bis ihm ganz warm wird, und er nimmt sie in den Arm und drückt sie ganz fest an sich, und dann streicht er ihr über den Rücken und über den Po und vergräbt seine Nase in ihren Haaren, bis er merkt, wie es zwischen seinen Beinen anfängt zu kribbeln und auch ein bisschen zu zucken, aber als er dann mit seiner Nase wieder aus den Haaren auftaucht und der Rosalie in die Augen gucken will, da sieht er, dass ihre Augen plötzlich schwarz umrändert sind und dass ein Piercing in ihrer Nase steckt, und dann hört er sie sagen „Dess mä uns fei niä väküüln, Hä Widdrich!“, und da spürt der Wittrich, wie er ganz heiße Ohren kriegt, aber noch bevor er eine Entschuldigung stammeln kann, hört er plötzlich einen Schuss und zuckt zusammen, und als er herumfährt, sieht er, wie ein paar Meter weiter am Strand ein paar Männer mit Gewehren stehen, die auf die Vögel zielen, die über ihren Köpfen kreisen, und immer, wenn ein Mann einen Schuss abfeuert, löst sich danach sein Gewehr in eine schmierige schwarze Flüssigkeit auf, die an seinen Händen kleben bleibt, und die Männer fluchen, weil sie ihre Hände nicht mehr sauber bekommen, aber trotzdem schießen sie immer weiter auf die Vögel, bis plötzlich ein großer Hund mit lautem Gebell über den Strand dahergerannt kommt, und als er am Wittrich vorbei rennt, erkennt der, dass es der Fridolin ist, der plötzlich gar nicht mehr alt und träge ist, sondern wieder jung und schnell, denn jetzt jagt er hinter einer Katze her, die vor ihm davonläuft, und die beiden toben um die Männer mit den klebrigen Händen herum, aber die Männer haben wieder neue Gewehre geholt und legen auf die Tiere an, und als der Wittrich das sieht, wird er ganz wütend, und er rennt auf die Männer zu und schreit sie an, dass sie doch nicht schießen dürfen, denn das wäre ja Mord, aber die Männer rufen zurück, der Wittrich soll gefälligst aus der Schusslinie gehen, und dann feuern sie ihre Gewehre ab, aber jetzt passiert etwas Seltsames, denn jetzt stolpert der Wittrich so vor die erste Kugel, dass sie ihn in den Bauch trifft, aber er ist gar nicht ernsthaft verletzt, sondern spürt nur ein kurzes Zwicken im Bauch, und dann ist es wieder gut, und deshalb wirft er sich jetzt jedes Mal vor die Kugel, wenn die Männer einen Schuss abfeuern, und jedes Mal zwickt es nur ein bisschen in seinem Bauch, bis die Männer endlich mit dem Schießen aufhören und mit ihren schwarz verklebten Fingern am Wittrich vorbei auf etwas zeigen, das hinter ihm ist, und als er sich herumdreht, da sieht er, wie hinter ihm plötzlich gar kein Wasser und auch kein Strand mehr ist, sondern ein Waldrand, und da geht er in den Wald hinein, immer tiefer und tiefer, denn es ist schön hier und angenehm kühl, und die Sonnenstrahlen scheinen durch das Geäst der Bäume auf den Waldboden, und neben dem Weg entlang plätschert ein kleiner Bach, und der Wittrich folgt dem Bach und dem Weg bergab in eine Senke, wo eine Hütte steht, an der sich ein Wasserrad in dem Bächlein dreht, und der Wittrich hat plötzlich das Gefühl, dass er da unten in der Mühle zu Hause ist und dass er dort schon erwartet wird und sich beeilen muss, und deshalb geht er jetzt schneller und schneller, und als er an der Tür ist, reißt er sie auf und will hineinstürzen, aber da erschrickt er wieder und sieht, wie die ganze Hütte voller toter Tiere hängt, die an Seilen von der Decke herunterbaumeln, und dem Wittrich wird ganz übel, aber er schaut sich die Tiere genau an, und dann entdeckt er zwischen lauter toten Hasen und Rehen und Mardern auch den Fridolin und die Katze, die eben noch um die Männer mit den Gewehren herumgesprungen sind, und jetzt merkt er, dass die Katze ganz abgemagert ist und eigentlich nur noch aus Knochen und Fell besteht, aber irgend etwas im Innern der Katze bewegt sich und knirscht leise, und da hat der Wittrich plötzlich wieder seinen Stock in der Hand, und als er mit dem Stock vorsichtig gegen den Bauch der Katze klopft, und da platzt das Fell auf und es fallen lauter kleine Metallkügelchen heraus, und die kullern auf dem Boden der Hütte entlang zu einer Tür, und zwischen der Tür und dem Boden ist ein breiter Schlitz, durch den jetzt die Metallkügelchen hindurchkullern, und der Wittrich ist ganz verzweifelt, weil er denkt, dass er jetzt etwas kaputt gemacht hat, und dass er die Kügelchen alle wieder einsammeln muss, aber so sehr er es auch versucht, er bekommt diese Tür nicht auf, und deshalb kriecht er jetzt selber unter dem Türschlitz hindurch, denn er ist auf einmal auch so klein wie die Metallkügelchen, und zusammen mit den anderen Kügelchen springt er eine lange Treppe hinunter und hört, wie er dabei klick-klack-klick-klack macht, und es nimmt überhaupt kein Ende mit den Treppenstufen und mit dem Klick-klack-klick-klack, bis dann plötzlich doch keine Stufe mehr kommt und er den Boden ganz unter den Füßen verliert und er ins Leere stürzt und immer tiefer fällt und tiefer und tiefer ... – und da ist der Wittrich plötzlich aufgewacht und hochgeschreckt und hat gemerkt, dass er klatschnass vor Schweiß in seinem Bett gesessen ist.

Da hat der Wittrich natürlich erst einmal ein Weilchen gebraucht, bis er sich wieder einigermaßen berappelt hatte, und als er dann aus dem Bett geklettert war und die Brille aufgesetzt und das Hörgerät ins Ohr gesteckt hatte, da hat er dann auch gemerkt, dass das Fenster auf Kippe gestanden war und dass man von draußen das Rauschen und Plätschern der Kronach hören konnte, und da hat er dann aus dem Fenster geschaut und gesehen, dass die Scheibe voller Regentropfen gewesen ist und dass in der Ferne am Himmel noch ein paar Blitze gezuckt haben, und da hat der Wittrich sich dann zusammengereimt, dass da wohl gerade ein ziemlich schweres Gewitter vorbeigezogen sein muss, das seinem Schlaf auch nicht gerade besonders förderlich gewesen ist.

Weil der Wittrich nach einem solchen Traum natürlich nicht einmal dann gleich wieder hätte einschlafen können, wenn ihn sein Bauch jetzt ausnahmsweise einmal nicht gezwickt hätte, hat er dann erst einmal seinen klatschnassen Schlafanzug ausgezogen und sich mit einem Handtuch trockengerubbelt, bevor er wieder in seinen braunen Dreiteiler gestiegen und durch den Hintereingang aus dem Bürgerspital hinausgeschlüpft ist, um ein bisschen in der regennassen Stadt herumzuwackeln. Aber diesmal ist er links herum gegangen, an der Kronach entlang zur Europabrücke, über den Zebrastreifen in die Pfählangerstraße bis zum Siegmund-Loewe-Platz, dort über die beiden Fußgängerbrücken drüber, die über die Kronach und über die Haßlach führen, dann rechts herum und am Wasser entlang, vorbei am Iskender Kebab zum Bahnhofsplatz, dann vor der alten Sparkasse rechts hinein in die Adolf-Kolping-Straße, weiter an der Postkartenansicht vorbei und durch die kleine Hundeklo-Allee, dann am Eine-Welt-Laden, an der Bäckerei Oesterlein und an der Rockerkneipe vorbei bis zum Oblatenkloster, dann weiter, unter der Nordbrücke hindurch und noch ein Stück weiter bis in die Alte Ludwigsstädter Straße hinein. Aber ungefähr auf der Höhe vom Schützenplatz hat der Wittrich dann kehrtgemacht und ist wieder fast den gleichen Weg zurückgegangen, den er gekommen war, nur dass er diesmal vom Bahnhofsplatz aus links in die Bahnhofsstraße eingebogen und dann durch die Hirtengasse gegangen ist, und aus irgend einem seltsamen Grund ist er dann nicht gleich schnurgerade zurück zum Bürgerspital gegangen, sondern hat noch einen kleinen Umweg gemacht, weil – jetzt ist der Wittrich nämlich von der Hirtengasse aus rechts in das verborgene kleine Gässchen abgebogen, das hinter Anna’s Café entlang führt, und als er dann nach ein paar Metern fast schon wieder am Ende des Gässchens angekommen war, da hat plötzlich ein grelles Licht aufgeleuchtet, und vor dem Wittrich ist ein Engel gestanden, und der Engel hat ein langes Gewand angehabt, und seine Flügel sind ausgebreitet gewesen, und seine rechte Hand hat er ausgestreckt gehabt, dem Wittrich entgegen, und da hat der Wittrich im ersten Moment wirklich gedacht, dass ihn jetzt die Rosalie holen kommt und dass sie ihm ihre Hand hinstreckt, damit er sich an ihr festhalten kann, wenn sie mit ihm davonfliegt, aber dann hat es natürlich doch nicht lang gedauert, bis der Wittrich gemerkt hat, dass der Engel nur eine Figur aus Stein gewesen ist, die da am Ende des verborgenen Gässchens auf einer kleinen Mauer steht, und dass das grelle Licht nur ein Scheinwerfer am Eingang des Hauses gewesen ist, der wahrscheinlich durch einen Bewegungsmelder angegangen war, den der Wittrich selbst ausgelöst hatte, aber trotzdem ist er dann noch eine ganze Weile vor dem Engel stehen geblieben und hat zu ihm hochgeguckt, bis auch der Scheinwerfer wieder ausgegangen ist und bis er von dem Engel nur noch einen dunklen Umriss vor den Sternen am Nachthimmel gesehen hat, und erst dann ist der Wittrich weitergegangen, über den großen Parkplatz und an der Granatenvilla vorbei, die der alte Endres nach seinem Tod der Caritas vermacht hat, die da jetzt die Kinder spielen lässt, wo früher nur der alte Endres mit seinen ganzen Waffen gehaust hat, und dann ist der Wittrich wieder über die Europabrücke und an der Kronach entlang zurück zum Hintereingang des Bürgerspitals gegangen, wo er sich in sein Zimmer zurückgeschlichen und wieder ausgezogen und hingelegt hat und dann sogar doch noch ein bisschen schlafen konnte.

 

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zuletzt aktualisiert am 21.08.14
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