Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Freitag, 26. Juni
   Nachmittags noch einmal im Café

Vor dem Frühstück hat sich der Wittrich dann natürlich gleich als erstes wieder auf die Zeitung gestürzt, aber auch am Freitag ist nichts Neues vom Dr. Schwenglein dringestanden, und deshalb hat sich der Wittrich dann gedacht, dass er sich wohl doch noch einmal mit der Ulla Klempp treffen muss, wenn er etwas erfahren möchte, was vielleicht sowieso nie in der Zeitung drin stehen wird. Also hat er die Ulla Klempp angerufen und sich mit ihr für den frühen Nachmittag im Café im Seniorenhaus verabredet, und dann hat er den Vormittag mit dem Lesen und Sortieren der neuesten Zettel in seinen „Wissenswert“-Ordnern zugebracht, bevor er noch ein bisschen Mensch-ärger-dich-nicht mit der alten Frau Meusel gespielt und noch ein bisschen dem alten Herrn Fiedler zugehört hat, wie der schon wieder einmal von seiner Zeit als Grenzschutzbeamter an der Thüringischen Grenze erzählt hat.

Nach dem Mittagessen und nach einer kleinen Mittagsruhe ist der Wittrich dann irgendwann in Richtung Seniorenhaus aufgebrochen, und natürlich hat er wieder seinen Lieblingsweg genommen, der ihn an dem Unterwäsche-Laden und an den Stadtvillen vorbei geführt hat, und als er dann schließlich mit der Ulla Klempp und einem Stück Maulwurftorte in dem kleinen Park hinter dem Seniorenhaus gesessen ist, da hat sie erst einmal wieder von ihrer Freundin Hilde und von ihrem Hund Chi-Gong und von ihrem VW Lupo und von ihrem Badminton-Verein und von den Sonderangeboten im Aldi und von ihrem Ex-Mann Hartmut erzählt, aber als sie dann irgendwann einmal kurz nach Luft geschnappt hat, um ein Stückchen von ihrem Erdbeerkuchen zu essen, da hat der Wittrich sie schnell gefragt, ob sie denn eigentlich noch gar nichts Neues vom Dr. Schwenglein gehört hätte, und da hat die Ulla Klempp die Augen aufgerissen und ganz erstaunt gesagt:

– „Doch, freilich! Der hat doch geschrieben: »Ich kann nicht mehr. Gott möge mir verzeihen. Hermann« ...“ und da ist dem Wittrich dann fast die Kinnlade herunter gefallen, und vor lauter Aufregung hat er erst einmal so stark stottern müssen, dass es schon eine ganze Weile gebraucht hat, bis er die Ulla Klempp so weit mit Fragen bombardiert hatte, dass er am Ende gewusst hat, dass die Frau Dr. Schwenglein offenbar am Tag vorher eine Postkarte in ihrem Briefkasten gefunden hatte, auf der nur gestanden ist »Ich kann nicht mehr. Gott möge mir verzeihen. Hermann«, und dass die Handschrift auf der Karte wohl tatsächlich die von ihrem Mann gewesen ist, und dass man jetzt wohl davon ausgehen kann, dass der Dr. Schwenglein immerhin noch am Leben ist, und dass er sich offenbar wegen irgend welcher Gewissensbisse verkrochen hat, aber leider hat die Ulla Klempp dann nicht sagen können, wo die Postkarte abgestempelt worden ist oder was die Polizei jetzt daraus für Schlüsse zieht, aber als der Wittrich dann schließlich irgendwann noch gefragt hat, wie es denn der Frau Dr. Schwenglein jetzt eigentlich so geht und wie sie das Verschwinden ihres Mannes überhaupt verkraftet, da hat die Ulla Klempp dann wieder ziemlich genau Bescheid gewusst und gesagt:

– „Ach die, die ist doch eiskalt. Wahrscheinlich ist sie ja sogar froh, dass ihr Mann endlich fort ist“, und dann hat sie noch ein bisschen davon erzählt, dass die Ehe von den Schwengleins doch eine ziemlich lieblose Angelegenheit sein soll, weil ja beide vor allem ihren Beruf und ihre Karriere im Kopf haben, und schließlich hätten sie ja nicht einmal Kinder in die Welt gesetzt, und wer weiß, ob die sich nach der Hochzeitsnacht überhaupt noch einmal angefasst haben, so wie die immer miteinander umgegangen sind, aber dann hat die Ulla Klempp irgendwann auf die Uhr geschaut und gesagt, dass sie jetzt los muss, weil sie noch mit einer Freundin verabredet ist, und nachdem die Ulla Klempp gegangen war, ist der Wittrich dann auch nicht mehr lange sitzen geblieben, bevor er wieder nach Hause gewackelt ist, und auf dem Heimweg ist er dann wieder an den Tafeln mit den optischen Täuschungen vorbeigekommen, die der Lions-Club dort am Weg entlang aufgestellt hat, und nachdem er sie wie immer noch ein Weilchen betrachtet hat, hat er sich gedacht, dass die Dinge doch manchmal einfach nicht so sind, wie sie scheinen.

 

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zuletzt aktualisiert am 21.08.14
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