Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Freitag, 26. Juni
   Abends bei der Schmäußbier-Probe

Am Freitagabend hat dann schließlich das Historische Stadtspektakel angefangen, das die nächsten drei Tage dauern sollte und das in Kronach inzwischen schon fast so ein Großereignis geworden ist wie das Freischießen im August, aber das Freischießen gibt es natürlich schon sehr viel länger, und es heißt ja sogar, dass die eingefleischten Kronacher ihren Sommerurlaub nach dem Freischießen ausrichten, aber während man beim Freischießen nur erstaunlich viele Menschen sehen kann, die wieder einmal ihr Dirndl oder ihre Trachtenjacke spazieren führen, wimmelt es beim Historischen Stadtspektakel nur so von Leuten, die in Kleidern stecken, wie man sie zuletzt vielleicht vor ein paar hundert Jahren getragen hat, denn das ist ja gerade das Historische an dem Spektakel, dass nämlich alles ein bisschen so sein soll wie vor ein paar hundert Jahren. Da verkleiden sich dann die einen als Waschweiber mit Kittelschürzen oder als Knechte mit Kniebundhosen, während die anderen in Uniformen aufmarschieren, wie sie die Soldaten im Dreißigjährigen Krieg angehabt haben, und wieder andere tragen solche feinen Gewänder, wie sie die wohlhabenden Edelleute auf alten Gemälden anhaben, und wer sich für welches Kostüm entscheidet, das hängt natürlich auch immer ein bisschen vom jeweiligen Geldbeutel ab.

Man darf jetzt aber auch wieder nicht denken, dass das vielleicht nur so ein paar verrückte Spinner wären, die sich da verkleiden, nein, so ist das nicht, weil beim Historischen Stadtspektakel in Kronach macht ja immerhin auch der Bürgermeister mit und zieht sein spanisches Kostüm an, das mit der großen weißen Halskrause und dem hohen schwarzen Hut, und dann gibt es natürlich noch die Leute von der Cronacher Ausschuss-Compagnie und die Tapfern Kroniche Fraan, und daneben auch noch eine ganze Reihe von anderen Gruppen, die sich gerne einmal verkleiden, wie zum Beispiel die Pottu-Gruppe oder die Kroniche Gassnkinne oder auch die Seelabacher Seiler, und wenn es dann beim Historischen Stadtspektakel am Sonntagmorgen eine Messe in der Stadtpfarrkirche gibt, dann sitzt da fast die ganze Kirche voller Kostüme, und jemand, der einfach nur sein gutes Sonntagskleid angezogen hat, kann sich in diesem Moment schon ziemlich verloren vorkommen.

Den Anfang vom Historischen Stadtspektakel macht aber erst einmal ein Festzug am Freitagabend, bei dem die ganzen Kostümierten vom Kaulanger aus über die Andreas-Limmer-Straße zur Kaiserhof-Brauerei marschieren, wo sie den Bräumeister abholen, und dann marschieren sie weiter durch die Innenstadt über die Johann-Nikolaus-Zitter-Straße, den Marienplatz, die Schwedenstraße und das Bamberger Tor bis hinauf in die Obere Stadt, wo sie sich dann um die Ehrensäule am Melchior-Otto-Platz versammeln, und dann gibt es dort erst einmal die so genannte Schmäußbräu-Examinierung, weil – das Schmäuß ist nämlich ein ganz besonderes Bier, das es nur in Kronach gibt und das die Kronacher Kaiserhof-Brauerei extra für das Historische Stadtspektakel braut, und das muss natürlich erst einmal von besonders fachkundigen Leuten gekostet werden, bevor es dann an alle anderen ausgeschenkt werden kann, und deshalb muss man sich die Schmäußbräu-Examinierung so vorstellen, dass da eine Menge von verkleideten Leuten um die Ehrensäule am Melchior-Otto-Platz herumsteht, und die meisten von ihnen haben einen Krug oder eine Kanne oder einen Becher in der Hand, aber die sind zunächst einmal noch leer, weil es nämlich erst am Ende der Schmäußbräu-Examinierung ein Freibier gibt für alle, die ein leeres Gefäß dabei haben. Bevor das Freibier ausgeschenkt wird, muss es aber natürlich erst noch examiniert werden, das heißt, es muss geprüft werden, ob es auch ordentlich gebraut geworden ist, und dazu hat der Kronacher Bräumeister extra ein Fass von seinem feinen Schmäuß mitgebracht, und der Bürgermeister und die vier Viertelmeister dürfen dann als erste davon trinken, aber bevor es damit losgehen kann, schreit der Stadtvogt erst einmal noch ein paar Begrüßungsworte in die Menge und erklärt, was jetzt gleich passieren wird, und schreien muss der Stadtvogt wirklich, denn die ganzen Verkleideten dürfen zwar ihre Brillen und Armbanduhren anbehalten, aber ein Mikrophon dürfen sie natürlich nicht benutzen, weil das wäre für so ein Historisches Stadtspektakel ja dann doch ein bisschen zu unhistorisch.

Wenn der Stadtvogt dann lange genug herumgeschrien hat, dann probiert er zusammen mit den vier Viertelmeistern und dem Bürgermeister das Schmäuß, und dann schreien sie wieder einer nach dem anderen, wie lecker das doch in diesem Jahr geworden ist, und dass der Bräumeister auch diesmal wieder alles wohl gebräuet“ hat, und dann erst dürfen endlich auch die ganzen anderen Verkleideten zum Fass nach vorne kommen und sich ihre leeren Krüge und Kannen und Becher mit Freibier füllen lassen, und wenn mich nicht alles täuscht, dürfen dann auch die Leute von der Cronacher Ausschuss-Compagnie noch ein paar Gewehrsalven abfeuern, weil – das gehört in Kronach einfach immer mit dazu, dass es bei jeder historischen Gelegenheit auch ordentlich kracht.

Der Hauptgrund, weshalb auch der Wittrich diesmal wieder zu der Schmäußbräu-Examinierung gegangen ist, ist aber gar nicht einmal das Freibier gewesen, sondern die Einweihung der neuen Start- und Wendepunkte für den Viertelmeisterlauf, die diesmal im Anschluss an die Bierprobe stattfinden sollte, weil der Kronacher Bildhauer Heinrich Schreiber, der schon so viele Kunstwerke für die Stadt geschaffen hat, dass man in Kronach eigentlich keine zwei Meter gehen kann, ohne schon wieder über eine Bronzeplatte oder eine Steinfigur von ihm zu stolpern, der hatte ja nun auch noch zwei Kanaldeckel in der Amtsgerichtsstraße so gestaltet, dass sie an den Viertelmeisterlauf erinnern, der immer einer der Höhepunkte vom Historischen Stadtspektakel ist, und als der Wittrich dann nach der Schmäußbräu-Examinierung zusammen mit den anderen Zuschauern von der Ehrensäule am Melchior-Otto-Platz zu den Kanaldeckeln in der Amtsgerichtsstraße mitgedackelt ist, da hat ihn plötzlich der Hartwig Ludl angesprochen und gegrüßt, der ja auch ein ganz interessierter und gebildeter Kronacher ist und sich wie der Wittrich die neuen Kunstwerke vom Heinrich Schreiber ansehen wollte, und dann sind die beiden ein bisschen ins Gespräch gekommen, und irgendwann hat dann der Wittrich den Hartwig Ludl natürlich auch auf den Dr. Schwenglein angesprochen und ihn gefragt, ob er denn auch schon von der Postkarte gehört hätte, die der Dr. Schwenglein seiner Frau geschrieben hat, und da hat der Hartwig Ludl ganz erstaunt geschaut und gesagt:

– „Ach, das ist ja'n Ding! Nein, das hab ich noch nicht gewusst ...“ und während dann der Stadtvogt und der Bürgermeister und die ganzen anderen Prominenten in ihren historischen Kostümen die beiden Kanaldeckel vom Heinrich Schreiber eingeweiht haben, da hat der Wittrich dem Hartwig Ludl erzählt, was er am Nachmittag von der Ulla Klempp erfahren hatte, und als er damit fertig gewesen ist, hat der Hartwig Ludl gesagt:

– „Ja, das ist ja wirklich ein Ding! Das hätte ich ja nicht gedacht ... obwooohl … nunja …“, und dann hat er so bedeutungsvoll geschaut, dass der Wittrich nachgehakt hat:

– „Wieso ‚obwohl’? Was hätten Sie nicht gedacht?“

– „Nunja, ich hätte nicht unbedingt gedacht, dass der Schwenglein schreibt Gott möge mir verzeihen!

– „Wieso nicht?“

– „Nunja, ich will es einmal so formulieren: ich hätte nicht unbedingt gedacht, dass der Dr. Schwenglein ein Mensch ist, der sich großartig mit seinem Gewissen herumplagt. Aber man weiß eben nie, was in einem Menschen unter der Oberfläche so vor sich geht.“

– „Ja, das ist wohl wahr …“, hat der Wittrich da gemurmelt und vor sich auf den Boden geschaut und darauf gewartet, dass der Hartwig Ludl vielleicht noch etwas sagt, und tatsächlich hat der dann das Gesicht verzogen und gemeint:

– „Obwooohl … nunja … es ist aber auch nicht unbedingt gesagt, dass der Dr. Schwenglein diese Postkarte wirklich ganz freiwillig geschrieben hat …“, und da hat der Wittrich dann ein bisschen überrascht getan und gefragt:

– „Ach was, wie meinen Sie denn das?“ und der Hartwig Ludl hat mit einem gewissen Unterton gesagt:

– „Naja, es könnte ja doch auch sein, dass er dazu gezwungen wurde. Weil derjenige, der ihn festhält, erst einmal Zeit gewinnen will? Indem er die Ermittlungen in die Irre führt ...“

– „Ja, aber weshalb sollte ihn denn überhaupt jemand festhalten wollen?“

– „Naja, vielleicht deshalb, weil man etwas aus seiner Frau herauspressen will. Ein Geld zum Beispiel, also ein Lösegeld. Oder vielleicht auch etwas anderes …“, und bei den Worten ‚etwas anderes’ hat der Hartwig Ludl so bedeutungsvoll geschaut, dass der Wittrich natürlich gar nicht anders konnte, als nachzufragen, worauf er denn da anspielen möchte, und da hat der Hartwig Ludl dann den Wittrich unter den Arm gefasst und ein paar Schritte zur Seite gezogen, damit niemand mithört bei dem, was er jetzt als nächstes gesagt hat:

– „Naja, ich frage mich ja zum Beispiel schon die ganze Zeit, ob das Verschwinden vom Dr. Schwenglein nicht doch etwas mit der Errichtung dieses GNM-Zentrums am Kronacher Stadtrand zu tun haben könnte …“, und da hat sich der Wittrich im ersten Moment natürlich gefragt, wieso das Germanische Nationalmuseum, das ja eigentlich in Nürnberg steht, ausgerechnet am Kronacher Stadtrand ein Zentrum errichten will, aber dann hat er sich gedacht, dass das ja vielleicht etwas mit der Heunischenburg zu tun haben könnte, die  ganz in der Nähe von Kronach steht und für ein Germanisches Nationalmuseum vielleicht gar nicht einmal so uninteressant ist, weil – die Heunischenburg, das ist zwar nur noch eine Ruine, aber die ist ja immerhin schon über zweitausend Jahre alt, und damit ist sie sogar die älteste wissenschaftlich erforschte Steinbefestigungsanlage nördlich der Alpen, aber als der Wittrich den Hartwig Ludl dann gefragt hat, was denn der Dr. Schwenglein nun auch noch mit dem Germanischen Nationalmuseum zu tun haben soll, da hat der Hartwig Ludl nur den Kopf geschüttelt und gesagt:

– „Nein, nein, nicht Ge-en-em wie Germanisches National-Museum, sondern Ge-en-em wie Germanische Neue Medizin. So nennt sich doch diese seltsame Sekte, die krude Theorien über die Entstehung und Heilung von Krebserkrankungen verbreitet und außerdem an eine Verschwörung des Weltjudentums glaubt.“

– „Ach, du meine Güte ...“ hat der Wittrich da entsetzt gesagt, und der Hartwig Ludl hat weitergeredet:

– „Aber wenn Sie da Genaueres wissen wollen, dann fragen Sie am besten mal den Rudi Weich. Den kennen Sie doch, oder? Der ist doch im Aktionskreis der Kronacher Synagoge und weiß da besser Bescheid.“

– „Wieso das?“

– „Na, da gab es doch im Frühjahr diesen Eklat, wo der Aktionskreis einen Fachmann eingeladen hat, der in der Synagoge einen Vortrag über die Germanische Neue Medizin halten sollte und wo dann ein ganzer Trupp von GNM-Anhängern angereist ist und die Veranstaltung mit antisemitischen Parolen gestört hat.“

– „Ach du liebes bisschen ...“

– „Haben Sie das gar nicht mitbekommen?“

– „Nein ...“

– „Dann wissen Sie auch nichts von den Visslers?“

– „Von wem?“

– „Von den Visslers! Die haben den Stein ja überhaupt erst ins Rollen gebracht. Mit ihrem Grundstück, da hinten an der Wilhelmshöhe.“

– „Ach ...“

– „Da haben die doch angefangen, ein altes Gebäude zu sanieren. Ohne Baugenehmigung. Und deswegen haben dann einige Lokalpolitiker befürchtet, dass die Visslers dort einen Treffpunkt für die Anhänger der Germanischen Neuen Medizin einrichten wollen. So eine Art Therapiezentrum.“

– „Sind die Visslers wohl solche neuen Germanen?“

– „Ajou! Der Mann, der Herr Vissler, der hat wohl schonmal vor ein paar Jahren so einen Chef-Ideologen der GNM nach Kronach eingeladen. Für einen Vortrag im Schützenhaus. Wie hieß der denn noch...? Na, auf den Namen komm ich jetzt nicht. Da müssten Sie wirklich mal den Rudi Weich fragen. Aber jedenfalls hat der Vissler den eingeladen. Und dann hat er wohl außerdem erst vor kurzem noch in irgend einem Internetforum erklärt, dass er einen Internet-Handel und eine GNM-Praxis aufbauen will.“

– „Ach herrje, das Internet ...!“

– „Ja, aber das eigentlich Brisante an der Sache ist ja, dass die Frau Vissler sogar Ärztin ist und hier in der Frankenwaldklinik gearbeitet hat. Jedenfalls bis zu ihrer Kündigung vor etwa drei Monaten.“

– „Ach nein!“

– „Doch, doch! Sie hat zwar dann so eine Erklärung abgegeben, dass sie überhaupt keine Anhängerin der GNM mehr ist und dass sie auch deren Therapiemethoden gar nicht anwenden will, aber das hat ihr natürlich keiner so richtig abgenommen. Besonders nicht unsere Kreisrätin, die Irmgard Felshüttner. Die hat sich ja ganz deutlich gegen die Visslers und ihre Machenschaften ausgesprochen, und das ist dann ja sogar bis vors Gericht gegangen.“

– „Ach wirklich?“

– „Ja, die Vissler hat der Felshüttner üble Nachrede und Verleumdung vorgeworfen und von ihr verlangt, dass sie eine Unterlassungserklärung unterschreibt, dass sie aufhört zu behaupten, die Visslers wären Anhänger der Germanischen Neuen Medizin und würden in Kronach ein GNM-Zentrum errichten wollen.“

– „Ach, und?“

– „Naja, zuerst hat die Felshüttner sich natürlich gesträubt, das zu unterschreiben, und dann sollte es ein sogenanntes ‚Sühneverfahren’ zur Schlichtung geben, weil man nicht gleich vor Gericht ziehen wollte, aber schließlich hat man sich dann doch erst vor dem Richter einigen können.“

– „Und worauf?“

– „Ja, irgendwie darauf, dass die Felshüttner zwar noch ihre Sorge darüber äußern darf, dass die Visslers ein GNM-Zentrum errichten wollen, aber dass sie die Frau Vissler nicht mehr als Anhängerin der GNM bezeichnen darf. Da ging es dann wohl um den feinen Unterschied zwischen einer Meinungsäußerung und einer Tatsachenbehauptung ...“, und als der Hartwig Ludl bei seinen letzten Worten ganz spitzfindig geguckt hat, da hat der Wittrich zuerst nur stumm ein bisschen mit seinem Kopf gewackelt, weil er sich im ersten Moment nicht so recht entscheiden konnte, ob er ihn jetzt eigentlich besser verständnisvoll nicken oder doch besser verständnislos schütteln soll, aber dann hat er den Hartwig Ludl endlich gefragt, was das Ganze denn nun eigentlich mit dem Dr. Schwenglein zu tun hätte, und da hat der Hartwig Ludl dann zuerst so ein bisschen das Gesicht verzogen, als ob er das jetzt auch nicht so ganz genau sagen könnte, aber dann hat er gemeint:

– „Naja, ich weiß, das ist jetzt natürlich ein ganz ein dünnes Eis, auf dem ich mich bewege, aber ich will ja auch überhaupt nichts behaupten …“

– „… aber vielleicht ja doch eine Meinung äußern?“ hat der Wittrich verschmitzt gefragt, und der Hartwig Ludl hat etwas mit sich gerungen und dann gesagt:

– „Ja, naja, es ist ja nichtmal eine Meinung, sondern nur so ein Gedankenspiel. Und das hat eben damit zu tun, dass die Frau vom Dr. Schwenglein ja auch Ärztin ist und in der Frankenwaldklinik arbeitet.“

– „Ach, das auch noch! Also eine Kollegin von Frau Vissler?“

– „Ex-Kollegin müsste man jetzt vielleicht besser sagen. Und sogar Ex-Vorgesetzte. Aber nicht nur das. Die Frau Dr. Schwenglein ist nämlich auch Mitglied in der Kronacher Frauenliste. Und eine besonders gute Freundin von der Felshüttner …“, und während der Hartwig Ludl das gesagt hat, hat er wieder ein ziemlich bedeutungsvolles Gesicht gemacht, und der Wittrich hat nachdenklich gemurmelt:

– „Ach Gott, die Welt ist klein …“, und der Hartwig Ludl hat weitergeredet:

– „Und wer weiß schon, was da zwischen diesen Frauen noch so alles vorgefallen ist. Jedenfalls kämpft die Vissler ja bis heute darum, dass ihre Kündigung von der Frankenwaldklinik zurückgenommen wird. Bislang aber ohne Erfolg.“

– „Und Sie meinen, die Frau Dr. Schwenglein könnte da ihre Finger im Spiel…?“

– „Ich weiß es natürlich nicht. Und ich meine auch nichts. Aber ich frage mich schon, wozu so ein verschwundener Ehemann alles nütze sein kann …“, und da hat der Hartwig Ludl dann schon wieder sehr bedeutungsvoll geschaut, und der Wittrich hat einen Moment lang die Stirn gerunzelt und dann gesagt:

– „Das wäre dann aber schon eine ziemlich wilde Räuberpistole, oder nicht? Wem wäre denn so etwas schon zuzutrauen?“

– „Vielleicht denselben Leuten, die an eine Verschwörung des Weltjudentums glauben? Fragen Sie doch wirklich mal den Rudi Weich nach dieser GNM. Der kann Ihnen da Sachen erzählen, die würden Sie nicht für möglich halten!“

Inzwischen sind die beiden Kanaldeckel vom Heinrich Schreiber dann natürlich längst schon eingeweiht gewesen, und die Menge an verkleideten Leuten war auch schon lange weitergezogen zum Marktplatz, wo das Historische Stadtspektakel nämlich immer noch einmal ganz offiziell vom Bürgermeister in seiner großen weißen Halskrause und dem hohen schwarzen Hut eröffnet wird. Also haben sich der Wittrich und der Hartwig Ludl dann die Kanaldeckel noch ganz alleine angesehen und sind sich ganz einig darin gewesen, dass der Heinrich Schreiber auch diesmal wieder eine wirklich schöne Arbeit abgeliefert hatte, und ich kann mich ihnen da auch nur anschließen, denn auf dem unteren Kanaldeckel, also dem, der den Startpunkt vom Viertelmeisterlauf markiert, da sind zwei Männer drauf zu sehen, wie sie einen Balken auf den Schultern tragen, von dem ein Fass an einer Kette herabhängt, und auf dem oberen Kanaldeckel, also dem, der den Wendepunkt der Laufstrecke markiert, da sind vier Frauen abgebildet, die verschiedene Eimer und Körbe mit sich herumtragen, und wenn man sich überlegt, dass das ja eigentlich nur einfache Kanaldeckel sind, da kann man schon staunen, was für schöne Kunst man doch aus ganz alltäglichen Sachen machen kann.

 

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zuletzt aktualisiert am 20.08.14
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