Das zerbrochene Ringlein.
Wittrichs letzter Fall.

Ein Provinzkrimi
von Burkhart M. Schürmann

(Copyright beim Autor)

 

 

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Sonntag, 28. Juni
   Morgens in der Messe
     und nachmittags beim Viertelmeisterlauf

Als der Wittrich dann am nächsten Morgen mit dem Kopf auf der Schreibtischplatte aufgewacht ist, da hat er natürlich nicht nur einen ziemlich steifen Hals gehabt, sondern es hat ihm eigentlich so ziemlich alles weh getan, was einem nach einer so unbequemen Nacht überhaupt nur weh tun kann, und deshalb hat er dann auch nicht nur ein bisschen länger zum Waschen und Anziehen gebraucht als sonst, sondern er ist auch erst ein bisschen später zum Frühstück erschienen, und fast hätte er es nach dem Frühstück dann auch gar nicht mehr rechtzeitig in die Stadtpfarrkirche zur Historischen Messe geschafft, mit der an diesem Sonntag der letzte Tag vom Historischen Stadtspektakel angefangen hat, denn als der Wittrich dann noch schnell zur hinteren Kirchentür herein gewackelt ist, da hatten die Ministranten gerade schon gebimmelt, und die Leute waren schon aufgestanden und die Orgel hatte schon eingesetzt, und während dann der Kaplan mit den Ministranten von der Sakristei aus eingezogen ist, da ist gleichzeitig auf der anderen Seite der Stadtpfarrkirche der Wittrich mit seinem Stock eingezogen, aber zum Glück hat ihn dann auch gleich der Franz Kretzschmar gesehen, der in einer der hintersten Bänke gestanden ist, und der hat ihn zu sich her gewunken, weil zwischen dem Franz Kretzschmar und einem großen Mann mit Vollbart und Trachtenjacke nämlich noch ein Platz frei gewesen ist, während sonst fast alle Bänke in der Kirche besetzt gewesen sind, weil –  bei der Historischen Messe am letzten Tag vom Historischen Stadtspektakel, da ist ja in der Kronacher Stadtpfarrkirche immer der Teufel los, denn da gehen ja dann natürlich nicht nur die Leute hin, die vor allem wegen der Religion in die Kirche gehen und sonst auch immer da sind, sondern da kommen ja außerdem auch noch die ganzen Leute, die vor allem wegen der Kostüme in die Kirche gehen, denn in der Messe am letzten Tag vom Historischen Stadtspektakel sitzen in der Kronacher Stadtpfarrkirche ja dann lauter Waschweiber mit Kittelschürzen und Knechte mit Kniebundhosen und Männer in Uniformen, wie sie die Soldaten im Dreißigjährigen Krieg angehabt haben, und ein paar sitzen da auch in feinen Gewändern wie wohlhabende Edelleute auf alten Gemälden, und sogar der Kronacher Bürgermeister sitzt da in seinem spanischen Kostüm mit der weißen Halskrause und der goldenen Bürgermeisterkette um den Hals, und deshalb hat der Wittrich jetzt an diesem Sonntagvormittag auch wirklich froh sein können, dass er mit seinem Dreiteiler aus brauner Schurwolle überhaupt noch einen Platz zwischen dem Franz Kretzschmar und dem großen Mann mit dem Vollbart und der Trachtenjacke bekommen hat. Das Problem an diesem Platz ist dann allerdings gewesen, dass der Wittrich von da hinten eigentlich kaum etwas hat sehen können, was vorne beim Altar passiert ist, und er hat auch nur ganz schlecht verstehen können, was gesagt worden ist, und deshalb hat er dann den Franz Kretzschmar zwischendurch ein paar Mal leise gefragt, worum es gerade gegangen ist, wie zum Beispiel nach der Predigt, wo der Franz Kretzschmar dem Wittrich dann zugeflüstert hat, dass es gerade um die Frage gegangen ist, wie die Kronacher eigentlich so fröhlich ihr Historisches Stadtspektakel feiern können, wenn gerade in diesen Tagen wegen der Schließung des AVELO-Leuchtenwerks so viele von ihnen ihren Arbeitsplatz verlieren und in eine ungewisse Zukunft blicken, und als dann etwas später nach einer der Fürbitten der große Mann mit Vollbart und Trachtenjacke neben dem Wittrich plötzlich nicht „Herr, wir bitten dich, erhöre uns“ gemurmelt hat, sondern stattdessen laut durch die Nase geschnaubt hat und aufgestanden und aus der Kirche gegangen ist, während er dabei etwas gezischt hat, was sich in den Ohren vom Wittrich irgendwie so angehört hat wie „Mistviech“, da hat ihm der Franz Kretzschmar hinterher gesagt, dass der Mann mit dem Vollbart und der Trachtenjacke einer seiner Bekannten aus der Kronacher Schützengesellschaft gewesen ist, und dass der Kaplan gerade in der Fürbitte Gott gebeten hatte, seine schützende Hand über den vermissten Mitbruder Dr. Hermann Schwenglein zu halten.

Besonders historisch an der Historischen Messe ist an diesem Sonntagvormittag auch die Musik gewesen, die wieder einmal von der Kronacher Musikfachschule mitgestaltet worden ist, weil – an der Kronacher Musikfachschule wird ja die Alte Musik ganz besonders groß geschrieben, und deshalb gibt es dort auch eine ganze Reihe von historischen Instrumenten wie zum Beispiel diese sogenannten Krummhörner, die ein bisschen so aussehen wie umgedrehte Spazierstöcke mit einem viel zu großen Griff, und als dann an diesem Sonntag drei Schüler von der Musikfachschule zusammen mit ihrem Direktor Matthias Fuchs am Ende der Historischen Messe ein Stück für vier Krummhörner gespielt haben, da hat der Wittrich natürlich auch wieder an die Silvia Zürner denken müssen, wie sie früher immer ganz tapfer bei den Krummhörnern mitgespielt hat, selbst wenn die Zuschauer manchmal schon ein bisschen kichern mussten, wenn sie den quäkenden Klang dieser alten Instrumente zum ersten Mal gehört haben, der ja auch den Wittrich immer ein bisschen an eine Entenfamilie erinnert hat.

Als die historische Messe dann aus gewesen ist und der Wittrich zwischen den ganzen verkleideten Leuten aus der Kirche heraus gewackelt ist, da hat er die Mandy zuerst gar nicht erkannt, wie sie auf ihn zugekommen ist, weil – die Mandy ist nämlich auch verkleidet gewesen, und zwar als tapferes Weib von Kronach, und als sie dem Wittrich dann einen guten Morgen gewünscht hat, da hat der schon ein bisschen gestaunt, wie tapfer die Mandy wirklich ausgesehen hat mit der Kittelschürze um den Bauch und dem Kopftuch über den blau gefärbten Haaren, und mit ihren schwarz umränderten Augen und dem Nasen-Piercing, und da hat er die Mandy dann gefragt, ob sie nachher nicht Lust hat, mit ihm ein bisschen auf dem Stadtspektakel herumzulaufen und sich dann später vielleicht den Viertelmeisterlauf anzusehen, und da hat sich die Mandy gefreut und gesagt, dass sie mit ihm „freilich nouchäd a weng umanand laafn koo“, weil sie ja schließlich „a dapfers Gronicha Maala“ ist und deshalb streng genommen eigentlich sowieso gar nicht anders kann, als auf dem Stadtspektakel herumzulaufen, und so haben die beiden dann miteinander verabredet, dass der Wittrich die Mandy später am Stand der tapferen Kronacher Weiber abholen kommt und sie noch ein bisschen herumlaufen, bevor sie sich dann um Zwei zusammen den Viertelmeisterlauf ansehen, den man vielleicht so etwas wie den Höhepunkt am letzten Tag vom Historischen Stadtspektakel nennen kann und auf den sich der Wittrich schon ganz besonders gefreut hatte, weil – da haben die historischen Leute in Kronach nämlich so einen alten Brauch ausgegraben, oder vielleicht haben sie ihn auch gar nicht ausgegraben, sondern sie haben sich ihn vielleicht auch einfach nur ausgedacht, aber auch wenn sie sich ihn nur ausgedacht haben, dann haben sie sich da wirklich etwas Schönes einfallen lassen, denn sie haben sich nämlich einfallen lassen, dass die vier Viertelmeister, also sozusagen die vier Oberhäupter der vier Viertel in der Oberen Stadt, dass die gegeneinander antreten und um die Wette laufen müssen, aber nicht einfach nur so um die Wette, sondern natürlich ganz besonders historisch um die Wette, nämlich mit einem schweren Eichenfass an einer Stange, die man auf die Schultern nimmt, und dieses Eichenfass, das an sich schon sehr schwer ist, das ist dann außerdem auch noch mit Bier gefüllt, das für sich genommen noch einmal viel schwerer ist als das Fass allein, und deshalb ist das Fass mit dem Bier zusammen also wirklich ganz schön schwer, und das müssen die Viertelmeister dann an der Stange auf den Schultern um die Wette über das holprige Kopfsteinpflaster in der Amtsgerichtsstraße schleppen – das heißt, eigentlich müssen die Viertelmeister selber ja überhaupt nichts schleppen, denn dafür hat ja jeder Viertelmeister seine zwei Bräuburschen, die das schwere Eichenfass mit dem Bier für ihn schleppen, und so ein Viertelmeister muss dann ja eigentlich nur neben seinen Bräuburschen her laufen und sie ordentlich anfeuern, damit sie nur ja schneller laufen als die Bräuburschen von den anderen drei Viertelmeistern, und die Strecke für den Wettlauf ist ja nun durch die beiden Kanaldeckel vom Heinrich Schreiber abgemessen, und die Bräuburschen müssen das Fass mit dem Bier also jetzt vom unteren Kanaldeckel bis hoch zum oberen Kanaldeckel schleppen, um den oberen Kanaldeckel herum und wieder zurück bis zum unteren Kanaldeckel, und auch, wenn sich das jetzt vielleicht gar nicht so besonders schwierig anhört, ist das doch gar nicht einmal so einfach, weil die Bräuburschen müssen nämlich ganz genau im gleichen Tritt laufen, damit das Fass mit dem Bier nicht anfängt zu schaukeln und dann alle aus dem Gleichgewicht bringt und umschmeißt.

Bevor es aber soweit gewesen ist, dass der Viertelmeisterlauf überhaupt erst angefangen hat, ist der Wittrich nach der Historischen Messe ja erst einmal Schritt für Schritt an den Handwerker-Ständen entlang die Lucas-Cranach-Straße hoch zum Marktplatz gewackelt und hat sich dort an einen der Biertische vor die Bühne gesetzt, die dort aufgebaut gewesen ist, und auf der hat dann schon nach einer kurzen Zeit eine Musikgruppe angefangen, mittelalterliche Musik zu spielen, und während die Musikgruppe gespielt hat, sind dann nach und nach immer mehr Menschen auf den Marktplatz gekommen und haben sich an die Biertische gesetzt, und irgendwann ist dann auch der Eddi Pawlitschek mit seiner Frau vorbeigekommen und hat den Wittrich gesehen und gegrüßt, und weil es dann auch schon kurz nach Zwölf gewesen ist, hat sich der Eddi Pawlitschek gleich zum Wittrich mit dazu gesetzt, während seine Frau für alle drei eine Brotsuppe geholt hat, die sie dann gegessen haben, während immer noch die Musikgruppe auf der Bühne mittelalterliche Musik gespielt hat, aber irgendwann ist dem Eddi Pawlitschek dann aufgefallen, dass der Wittrich zwischendurch immer wieder seinen Hals gereckt und ganz angestrengt an ihm vorbei zum Historischen Rathaus hinüber geschielt hat, und da hat er ihn schließlich gefragt, ob er denn noch auf jemanden wartet, oder wieso er immer wieder so angestrengt an ihm vorbei schielt, aber da hat der Wittrich dann nur gesagt, dass er ja so gerne den Seelabacher Seilern beim Seiledrehen zusieht, die ihren Stand direkt vor dem Historischen Rathaus aufgebaut hatten, nur – wenn man mich fragt, ob das die ganze Wahrheit gewesen ist, dann würde ich sagen, dass das bestenfalls eine halbe Wahrheit gewesen ist, denn der Stand der Seelabacher Seiler ist ja nicht nur direkt vor dem Historischen Rathaus aufgebaut gewesen, sondern auch direkt am Eingang zu der kleinen Gasse, die an der Seite vom Historischen Rathaus entlang verläuft und die die Lucas-Cranach-Straße mit der Amtsgerichtsstraße verbindet und in der sich ja schließlich die Haustür der alten Wohnung vom Wittrich befindet, und ich würde also eher sagen, dass der Wittrich an diesem Sonntagmittag vor allem deshalb so angestrengt am Eddi Pawlitschek vorbei zum Historischen Rathaus geschielt hat, weil er nämlich irgendwann zwischen zwei Bissen an seiner Brotsuppe nicht nur gesehen hat, wie eine Frau mit einem großen Hund an ihm vorbeigekommen und dann in der Gasse neben dem Historischen Rathaus verschwunden ist, sondern weil er ein paar Bissen später außerdem noch gesehen hat, wie ein großer Mann mit Vollbart und einer Trachtenjacke aus der Gasse herausgekommen ist, aber wahrscheinlich ist dem Wittrich da auch schon klar gewesen, dass das ja überhaupt noch nichts bedeuten muss, und deshalb hat er es auch lieber für sich behalten und nur angestrengt geschaut, ob er vielleicht doch noch etwas beobachten kann, was vielleicht ein bisschen mehr bedeuten könnte.

Als sich die Pawlitscheks dann irgendwann verabschiedet haben und aufgebrochen sind, da hat sich auch der Wittrich gleich auf den Weg zum Stand der tapferen Kronacher Weiber gemacht, um dort die Mandy abzuholen, und die beiden sind dann noch eine ganze Weile auf dem Historischen Stadtspektakel herumgelaufen, bevor der Wittrich irgendwann gesehen hat, dass es schon kurz nach halb Zwei gewesen ist, und da hat er gesagt, dass sie sich jetzt aber sputen müssen, damit sie für den Viertelmeisterlauf noch einen schönen Stehplatz ergattern, und so sind sie dann Schritt für Schritt in die Amtsgerichtsstraße gewackelt und haben noch einen schönen Stehplatz direkt am Straßenrand gefunden, von dem aus man die Strecke vom Viertelmeisterlauf wunderbar hat überblicken können, und als der dann irgendwann angefangen hat, da ist dann nach einer ziemlich langen Vorrede vom Stadtvogt zuerst die Mannschaft vom Heinz Thaler gegen die Mannschaft vom Niklas Wenzel angetreten, und da ist es irgendwie schon vorher klar gewesen, dass der Niklas Wenzel mit seinen Bräuburschen die anderen ganz locker in die Tasche stecken würde, denn der Niklas Wenzel hatte ja in den letzten Jahren insgesamt schon sieben Mal gewonnen und der Heinz Thaler mit seinen Bräuburschen bisher noch nie.

Als nächstes ist dann das Team vom Lukas Setzer gegen das Team vom Jörg Fritsch angetreten, und da hat der Wittrich im Team vom Jörg Fritsch plötzlich den Martin Zürner wiedererkannt, also den Bruder von der Silvia, der da als Bräubursche mitgelaufen ist, aber weil der Wittrich ja nicht mehr so gut hat sehen können, hat er den Martin Zürner natürlich erst erkannt, als der direkt vor seiner Nase vorbeigelaufen ist, und genau in dem Moment, in dem der Wittrich den Martin Zürner erkannt hat, ist dann auch schon das Unglück passiert, denn da ist nämlich dem Martin Zürner und dem Bernd Löhlein, also den beiden Bräuburschen vom Jörg Fritsch, da ist denen das Fass mit dem Bier, das sie an der Stange auf den Schultern geschleppt haben, aus der Halterung herausgerutscht und heruntergefallen und beim Aufschlag auf dem Kopfsteinpflaster in tausend Stücke zersprungen. Und was jetzt passiert ist, das ist alles so schnell gegangen, dass hinterher eigentlich niemand mehr so genau sagen konnte, wie das alles bloß so schnell hat gehen können, aber das war bestimmt keine Viertelstunde später, dass sie den Dr. Schwenglein aus dem Keller herausgeholt und den Martin Zürner in Handschellen abgeführt haben, und die Polizei hat hinterher gesagt, dass sie den Dr. Schwenglein keine Minute später hätten befreien dürfen, weil der dann nämlich sicherlich schon tot gewesen wäre. Und als man den Wittrich dann hinterher auf der Polizeiwache gefragt hat, wie er bloß so plötzlich drauf gekommen ist, dass der Dr. Schwenglein da unten im Keller von seiner alten Wohnung gewesen ist, und dass der Martin Zürner ihn da festgehalten und ihm eine Schlinge um den Hals gelegt hat, die von einem Motor so langsam zugezogen worden ist, dass der Dr. Schwenglein erdrosselt worden wäre, wenn ihn die Polizei auch nur eine Minute später gefunden hätte, da hat der Wittrich nur mit den Schultern gezuckt und die Unterlippe ein bisschen vorgeschoben und dann so getan, als wüsste er das auch nicht so recht, wie er da draufgekommen ist, aber dann hat er gesagt, dass es eben eigentlich alles schon in seinem Kopf gewesen sein muss und nur im entscheidenden Moment an seinen Platz gefallen ist. Und der entscheidende Moment ist eben genau der gewesen, wo das Fass mit dem Bier auf dem Kopfsteinpflaster aufgeschlagen und der Eisenring von dem Fass weggekullert ist, denn genau in dem Moment hat der Wittrich nämlich plötzlich wieder das Lied im Kopf gehabt, das er schon ganz am Anfang, also vor etwa vierzehn Tagen leise vor sich hingesungen hat, als er mitten in der Nacht von seiner alten Wohnung zurück ins Bürgerspital gewackelt ist, weil – das ist nämlich das Lieblingslied von ihm und seiner Rosalie gewesen, die vor ein paar Jahren gestorben ist, und mit der hat er es immer zusammen gesungen, wenn sie im Sommer über die Felder gewandert sind und gute Laune gehabt haben, denn immer wenn sie gute Laune gehabt haben, haben sie ja am liebsten besonders traurige Lieder zusammen gesungen, und am allerliebsten haben sie eben „Das zerbrochene Ringlein“ gesungen, und die beiden ersten Strophen von dem Lied, die gehen so:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu’ versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Und in dem Moment, wo das Fass auf dem Boden aufgeschlagen und der Eisenring weggekullert ist, da hat es im Kopf vom Wittrich eben irgendwie „klick-klack“ gemacht, und er hat an das zerbrochene Ringlein denken müssen, und dann an den kühlen Grund in dem unterirdischen Keller unter seiner Wohnung, und dann an das Mühlrad, das sich dreht, wie sich ein Gewinde dreht, mit dem man Seile verdrillt, und mit dem man eben auch einmal jemanden erdrosseln kann, wenn man seinen Kopf zwischen die Seile steckt, damit das dann hinterher in der Gerichtsmedizin vielleicht so aussieht, als habe sich derjenige selbst mit einem Seil erhängt, wenn man ihn irgendwo aufknüpft, weil man vielleicht will, dass das aussieht wie ein Selbstmord, so wie ein Selbstmord aussieht bei jemandem, der sich wirklich selber aufknüpft, wie zum Beispiel eine junge Frau neben einer Orgel, weil sie das Gefühl hat, dass ihr Leben zerstört ist, weil sie schon als Kind sexuell missbraucht worden ist, und weil sie ihrem Peiniger nicht entkommen kann, weil der ein reicher Nachbar ist und ein Freund vom Vater, dem er Geld gegeben hat, und weil er ihr weiter nachstellt, auch wenn sie ihren Körper aushungert und abmagert, bis der nichts Weibliches mehr hat, und weil sie keine Chance sieht, ihren Albträumen zu entkommen, und weil sie kein Vertrauen mehr haben kann zu irgendwem, und weil alles sinnlos ist, und weil sie deshalb nicht mehr leben will. Und vielleicht will man eben auch den Täter, der ein kleines Mädchen jahrelang missbraucht hat, vielleicht will man so ein Schwein ja auf die gleiche Weise töten, wie das Opfer getötet worden ist, nämlich mit einer Schlinge um den Hals, die sich langsam immer weiter zuzieht, bis man keine Luft mehr kriegt und bis man nicht mehr leben kann, und vielleicht will man ja so ein Schwein nicht nur anzeigen, sondern töten, weil es das Liebste zerstört hat, was man je besessen hat, nämlich eine kleine Schwester, auf die man doch eigentlich immer aufpassen wollte wie ein Schutzengel, und wenn dann der Schutzengel merkt, dass er nicht gut genug aufgepasst hat, dann verliert er vor Schmerz vielleicht fast den Verstand und wird zum Racheengel und macht Sachen, die man besser nicht machen sollte, weil man natürlich besser zur Polizei gehen sollte, als jemanden zu entführen und zu töten und ihn vorher noch dazu zu zwingen, dass er sich vor einer laufenden Videokamera schuldig bekennt und behauptet, sich aus Schuldgefühl selber das Leben nehmen zu wollen.

Aber vielleicht hätte der Wittrich das alles ja auch noch gar nicht denken müssen, wenn in dem Moment, wo das Fass mit dem Bier auf dem Kopfsteinpflaster aufgeschlagen und der Eisenring weggekullert ist, nicht auch noch der Martin Zürner vor Schrecken und Wut so laut „Sakradie!“ gerufen hätte, dass dem Wittrich plötzlich eingefallen ist, woher ihm der Martin Zürner die ganze Zeit schon so bekannt vorgekommen ist, weil da ist dem Wittrich nämlich plötzlich wieder eingefallen, dass er den Martin Zürner schon einmal vor ein paar Monaten an einem verkaufsoffenen Sonntag unten am Hussitenplatz gesehen hat, wie dem nämlich gerade eine Bratwurst mit Senf aus der Hand gefallen ist und er seine Lederjacke damit vollgekleckert hat, und wie der Martin Zürner da so laut „Sakradie!“ gerufen hat, dass der Wittrich das sogar noch ohne Hörgerät hat hören können, und dass das Ganze an dem Stand vom Autohaus Kotschenreuther passiert ist, wo der Wittrich und der Martin Zürner sich zufällig zur gleichen Zeit die neuesten technischen Entwicklungen im Autobau angesehen haben, und als der Wittrich sich daran erinnert hat, da ist ihm plötzlich auch klar gewesen, dass es gar nicht an seinem Hörgerät gelegen hat, weshalb er das Auto nicht hat hören können, das da vor zwei Wochen mitten in der Nacht von seiner alten Wohnung weggefahren ist, und dass es auch gar keine Bienen oder Maikäfer gewesen sind, die da an seinem Ohr vorbeigesummt sind, als der Wagen dann eine halbe Minute später an ihm vorbei die Amtsgerichtsstraße heruntergekommen ist, sondern dass sich der Martin Zürner anscheinend tatsächlich den neuen Lexus mit Hybrid-Antrieb gekauft hatte, den sie an diesem verkaufsoffenen Sonntag vor ein paar Monaten bei der Auto-Schau am Hussitenplatz vorgestellt haben.

Tatsächlich hat der Martin Zürner dann später bei seiner Vernehmung alles so zu Protokoll gegeben, dass es mit der Vermutung vom Wittrich ziemlich genau übereingestimmt hat: dass er nämlich am Boden zerstört gewesen ist, als sich seine Schwester Silvia im Januar erhängt hat, und dass er fast durchgedreht wäre, als einen Monat später auch noch sein Vater gegen den Brückenpfeiler bei Johannisthal gefahren ist und seine Mutter danach in die Psychiatrie nach Kutzenberg eingeliefert werden musste, aber dass für ihn schließlich eine Welt zusammengebrochen ist, als er den Abschiedsbrief von seiner Schwester bei den Sachen des Vaters gefunden hat, in dem sie ihm vorgeworfen hat, dass er sie an seinen Nachbarn Dr. Schwenglein verkauft hätte, der sie jahrelang missbraucht und dafür dem Vater finanziell unter die Arme gegriffen hat, als es mit seinem Elektrogeschäft fast den Bach hinunter gegangen wäre, und dass er von da an nur noch überlegt hat, wie er seine Schwester rächen und den Dr. Schwenglein dafür büßen lassen kann. Dass er dafür sogar sein Studium abgebrochen und das Elektrogeschäft seines Vaters übernommen hat, um nach Kronach zurückzukehren und einen Weg zu finden, wie er den Dr. Schwenglein zur Rechenschaft ziehen kann. Dass er dann in die Cronacher Ausschuss Compagnie eingetreten ist und sie sich zusammen mit der Jana Weißmüller und dem Werner Schnitzel das Haus in der Lucas-Cranach-Straße angesehen haben, weil sie dort im Erdgeschoss vielleicht ein Schaufenster einrichten wollten. Dass er dabei den unterirdischen Keller gesehen und sich gedacht hat, dass man dort gut jemanden unbemerkt festhalten und zu einem Geständnis vor laufender Videokamera zwingen könnte. Dass er dann den Schlüssel aus der Tasche von der Jana Weißmüller gefischt und angefangen hat, nachts den Keller als Verlies herzurichten, weil man dafür ja noch eine Mauer hochziehen und ein paar Kabel verlegen musste. Dass er dann, als der Keller fertig hergerichtet war, dem Dr. Schwenglein aufgelauert ist, wie der wieder einmal nachts besoffen aus dem Wirtshaus nach Hause gekommen und durch seinen Garten gegangen ist, und dass er ihn dann mit Chloroform betäubt, in den Keller in der Oberen Stadt gebracht und gefesselt hat. Der Martin Zürner hat dann auch gesagt, dass er den Dr. Schwenglein ja eigentlich erst gar nicht töten wollte, sondern nur zu einem Geständnis zwingen, dass er die Silvia jahrelang missbraucht hat und dass er ein Schwein ist und kastriert und weggesperrt gehört, aber dass der Dr. Schwenglein dann vor der Kamera einfach nicht zugeben wollte, was für ein Schwein er ist, und dass er dann sogar auch noch behauptet hätte, er hätte die Silvia doch wirklich geliebt, und mit ihrem Tod im Januar sei für ihn ja auch plötzlich eine Welt zusammengebrochen und alles bedeutungslos geworden, und die Silvia hätte ihn ja schon als kleines Mädchen immer so liebevoll angesehen, und sie hätte das doch alles auch gewollt und sich nie gewehrt, sondern immer gerne mitgemacht, wenn er zärtlich zu ihr geworden ist – erst da wäre ihm dann schließlich die letzte Sicherung durchgebrannt, und er hätte sich überlegt, wie man den Dr. Schwenglein möglichst qualvoll und gleichzeitig möglichst unverdächtig zu Tode kommen lassen könnte. Und da wäre ihm dann die Idee mit dem Seil und der Schlinge gekommen, die er so an einen Elektromotor angeschlossen hätte, dass sie den Dr. Schwenglein langsam aber sicher erdrosselt, während er selbst gerade von Hunderten von Leuten beim Viertelmeisterlauf gesehen wird, sodass er für den Todeszeitpunkt ein wasserdichtes Alibi gehabt hätte, falls überhaupt jemals einer dahinter gekommen wäre, dass der Dr. Schwenglein sich gar nicht selbst erhängt hätte. Damit es aber genau danach aussieht, hätte er ihn ja dann vorher noch dazu gezwungen, eine Postkarte zu schreiben, die nach Verzweiflung und Ausweglosigkeit klingt, und wenn alles so funktioniert hätte, wie er sich das ausgedacht hat, dann hätte man den Dr. Schwenglein später irgendwo im Wald gefunden, wie er an einem Ast baumelt, und alle hätten gedacht, dass ihn sein schlechtes Gewissen in den Selbstmord getrieben hat.

Als sie den Wittrich hinterher auf der Polizeiwache gefragt haben, wie er das alles bloß hat wissen können, da hat er zwar nur mit den Schultern gezuckt und die Unterlippe ein bisschen vorgeschoben und gesagt, dass er ja gar nichts wirklich gewusst hat, sondern alles bloß vermutet, aber wenn man mich fragen würde, wie der Wittrich das alles bloß vermutet hat, ohne es wirklich wissen zu können, dann würde ich antworten, dass der Wittrich eben ein studierter Physiker gewesen ist, der schließlich viele Jahre lang als Konstrukteur bei Loewe gearbeitet und da eine ganze Reihe von neuen Fernsehgeräten mitentwickelt hat, und dass er deshalb vielleicht einfach grundsätzlich jemand gewesen ist, der herumtüftelt und bastelt und bei dem die Dinge im Kopf eben manchmal plötzlich an ihren Platz gefallen sind und einen Sinn ergeben haben, während sie in den Köpfen der anderen Leute immer nur wild durcheinander gepurzelt sind. Dass der Wittrich überhaupt ein ziemlich erstaunlicher Typ gewesen ist, das hat man dann aber auch noch daran sehen können, dass er nach seiner Aussage bei der Polizei trotz der gebrochenen Rippe und trotz der Prellungen nicht ins Krankenhaus oder nach Hause ins Bürgerspital gebracht werden wollte, weil – kurz nachdem das Fass in tausend Stücke zersprungen war und kurz nachdem der Martin Zürner direkt vor seiner Nase „Sakradie!“ gerufen hatte, da war der Wittrich ja mit einem Mal vom Straßenrand aus auf den Martin Zürner losgestürzt, wobei er dann aber auf dem holprigen Kopfsteinpflaster der Amtsgerichtsstraße schon nach ein paar Schritten gestolpert und aus dem Gleichgewicht gekommen und der Länge nach hingefallen ist, aber zum Glück war er da ja schon so nah am Martin Zürner dran gewesen, dass er genau auf ihn drauf gefallen ist, und weil der Wittrich dabei natürlich versucht hat, sich mit seinem Stock abzustützen, ist der ihm dann so zwischen sich und den Martin Zürner geraten, dass das von außen fast so ausgesehen hat, als würde der Wittrich den Martin Zürner mit seinem Stock auf den Boden drücken wie ein Actionheld in einem amerikanischen Krimi, während sich der Wittrich dabei in Wirklichkeit nur füchterlich wehgetan hat, und obwohl er dann nach seiner Aussage bei der Polizei immer noch große Schmerzen gehabt hat, wollte er auf gar keinen Fall zurück ins Bürgerspital gebracht werden, sondern stattdessen ist er dann noch von der Polizeiinspektion am Kaulanger über die Andreas-Limmer-Straße bis zur evangelischen Kirche gewackelt, wo nämlich an diesem Tag noch ein Orgelkonzert gewesen ist, das um Fünf angefangen hat, denn an diesem Tag war da ja auch noch so ein italienischer Organist in Kronach zu Gast, den der Wittrich unbedingt noch hören wollte, aber als dann schließlich irgendwann nach anderthalb Stunden der letzte Ton der Orgel verklungen gewesen ist und als die Leute applaudiert haben, da hat der Wittrich keinen Finger mehr gerührt, und ich persönlich glaube ja, dass er wahrscheinlich auch schon gar nicht mehr viel von der Orgel gehört hat, weil als dann schließlich die ganzen Leute draußen gewesen sind und als der Wittrich als einziger immer noch auf seinem Platz gesessen ist, da ist ja dann jemand zu ihm hingegangen und hat festgestellt, dass er sogar schon ein bisschen steif gewesen ist, und wenn man mich fragt, was denn nun das Letzte gewesen sein könnte, was der Wittrich überhaupt noch gehört hat, dann möchte ich mir ja am liebsten vorstellen, dass das gar nicht die Orgel gewesen ist, sondern immer noch dieses eine Lied, das er so gerne zusammen mit seiner Rosalie gesungen hat, wenn sie im Sommer über die Felder gewandert sind und gute Laune gehabt haben, und von diesem Lied ist es vielleicht ja auch nur noch die letzte Strophe gewesen, die dem Wittrich einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist und die sich zum Schluss dann immer wieder in seinem Kopf wiederholt hat, bis sie schließlich immer leiser und leiser geworden und am Ende irgendwann gar nicht mehr zu hören gewesen ist:

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.

 

 

 

 

Haftungsausschluss und Dank >>


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zuletzt aktualisiert am 01.09.14
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